12. Oktober 2009

Die bittermandel-puderzuckersüße Christstollen-Affäre von Oppenheim

Werte Mitbürgerinnen und Mitbürger,

die besten Comedy-Programme schreibt das Leben ja bekanntlich selbst. Da hat sogar jemand wie Sven Hieronymus, dessen neues Programm ich unlängst genießen durfte, wirklich keine Chance. Kein Comedian kann sich solch einen grenzdebil-hahnebüchenen Unsinn ausdenken und auf die Bühne bringen, wie es diesmal der Oppenheimer Stadtrat vollbracht hat. Und die Stadtratsitzung kostet nicht mal Eintritt! Was ist passiert?

Mir geht's wie Sven: Weine könnt' ich, weine!
Mir geht's wie Sven: Weine könnt' ich, weine!

Wenn Sie die ausführliche Berichterstattung der Allgemeinen Zeitung nicht lesen wollen, hier die mit interpretativer und satirischer Freiheit erstellte Kurzfassung: Der Chef der CHRISTdemokraten in Oppenheim hatten – ausgelöst durch welche äußeren Einflüsse auch immer – die fantastische (und geklaute) Idee, in Kooperation mit einem ortsansässigen Bäcker CHRISTstollen zu produzieren. Soweit so ungut. Diese Stollen, 500 an der Zahl, sind nach dem Willen des CHRISTdemokraten sodann in die Stollen unter der Stadt zu verbringen. Die Stollen sollen in den Stollen dann zur Reife kommen. Sodann solle der Stollen-gereifte Stollen Touristen und anderen Interessenten zum Kauf feilgeboten werden. Ob der Stollen-Reifung soll es einen Euro Aufschlag auf den Preis eines jeden Stollen-Stollen geben. Eben dieser Euro möge dann der Stadt zu gute kommen. Demnach wäre mit den tollen Stollen ein Erlös von 500 Euro zu erzielen.

Ob diese 500 Euro auch nur ein Promille der hier geschilderten Miesere zu lindern vermag, darf ernsthaft bezweifelt werden. Wer weis, vielleicht verschlimmert dieses CHRISTstollen-Experiment das städtische Finanzdilemma sogar. Malen wir uns das ganze doch mal genüßlich aus:

Die 500 Stollen werden produziert. Nehmen wir einmal an, die Herstellungskosten betragen 1.00 Euro (das rechnet sich so schön einfach). Dann wandern die Stollen in den Berg, werden dort zum reifen aufgebahrt. Fleißig werden Heerscharen von Touristen an dem Stollen-Stollen vorbeigetrieben, quasi als Marketingmaßnahme um Kaufinteresse zu wecken.

Jetzt aber widerfährt dem Stollen im Stollen unerwünscht das, was beim Roquefort durchaus erwünscht ist. Der französische Käse wird bekanntlich mit dem speziell auf Brotlaiben gezüchteten Edelschimmelpilz „Penicilium Roqueforti“ geimpft, ob das er seinen grünlich-schmackhaften Pilzbefall entwickeln kann, der den Roquefort so lecker und teuer macht. Also still und heimlich schleicht sich irgend so ein hinterhältiger „Penicilium Oppenheimi“ im Stollen an den Stollen ran und siehe da, der CHRISTstollen tut es dem französischen Weichkäse gleich und schimmelt munter vor sich hin.

Wollen wir tolle Stollen-Stollen?
Wollen wir tolle Stollen-Stollen?

Das hat natürlich sofort zur Folge, dass die grünpelzigen 500 Stollen unter Umgehung der Mägen kaufwütiger Touristen direkt der fachgerechten Entsorgung zugeführt werden müssen. Sozusagen vom tollen Stollen voller Wonne direkt in die Tonne. Sollte diese fachgerechte Entsorgung wieder Erwarten doch ohne jeden Kostenaufwand zu bewerkstelligen sein, ergibt sich daraus dann die folgende Abschlussrechnung:

Ausgabe für die Produktion der Stollen: 500,0 Euro
Umsatz durch den nicht stattgefundenen Verkauft der Stollen: 0,0 Euro
Einnahme nach Abzug der Produktionskosten: 0,0 Euro
Unterm Strich bleiben also: – 500,00 Euro

Jetzt könnten wir ja vermuten, dass der CHRISTdemokrat, der diesen Vorschlag unterbreitet hat, im Stadtrat ausgelacht und sein Antrag abgeschmettert wurde. Aber NEIN! Der Wahnsinn hat in Oppenheim schließlich Methode! Das Ganze wurde doch in der Tat direkt an den Bauausschuss verwiesen, der prüfen möge, ob dieses Ansinnen denn realisierbar sei. Tangiert das Einlagern von Stollen im Stollen zwar das Lebensmittelrecht, so ist die Nutzung der Kellerlabyrinthe doch ureigene Obliegenheit des Bauausschusses. Per Grundsatzbeschluss will die Stadt nun prüfen, ob ein solches Vorhaben realisierbar ist. Soll das bedeuten, es wird in die Tat umgesetzt, wenn die Realisierbarkeit positiv beschieden wird? Die wollen Stollen im Stollen? Wenn’s ein geschäftstüchtiger Bäcker macht, mag es gelingen. Aber hier mutiert das vorweihnachtliche Backwert doch fix wieder zum Politikum.

Der 11.11. ist noch weit, deshalb steht zu befürchten, dass diese CHRISTstollen-Affäre keine Narretei ist. Es mag sich der Eindruck aufdrängen, dass der ganze Stadtrat zuviel Puderzucker vom Stollen geschnupft, oder zu viele in Rum eingelegte Rosinen verschnabuliert hat. Anders sind solche Schildbürgerstreiche wohl kaum zu erklären. Aber es ist ja gut zu wissen, welche Prioritäten man im Ratssaal verfolgt.

Wenn das Ganze tatsächlich innerhalb einer Comedy-Show stattfände, wäre das ganze wirklich nur noch zum lachen. Doch diese Nummer ist bittermandel-puderzuckersüße Realität! Und immer wieder die Frage: Haben die denn nichts wichtigeres und besseres zu tun und zu entscheiden? Müssen die sich so ausführlich mit so einem Schwachsinn beschäftigen? Die Stadt hat Schulden, die Festspiele gehen langsam den Bach runter und es liegt einiges mehr im Argen, aber es wird ausführlich über Christstollen debatiert. Wer sich politisch mit leichter Koste wie Christstollen beschäftigt, drückt sich um die schwer verdaulichen Brocken. Daher bleibt mir nur, ein Zitat des eingangs erwähnten Sven Hieronymus als Fazit zu nutzen: Weine könnt’ ich! Weine!

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