Klettern – Du begegnest Dir selbst auf dem Weg nach oben

13 Meter nach oben und zu Dir selbst.
13 Meter nach oben und zu Dir selbst.

Heute habe ich einen Schnupperkurs im Sportklettern im Bewegungsforum Nieder-Olm gemacht. Eine sehr interessante Erfahrung. Und man begegnet sich selbst auf dem Weg nach oben, aber dazu gleich mehr. Fangen wir der Reihe nach an.

Fünf gegen einen

Wir waren fünf Teilnehmer und wurden von (nur) einem Trainer namens Michael betreut. Netter Kerl und er wirkte und war auch souverän. Wir haben uns in eine Zweiergruppe und eine Dreiergruppe aufgeteilt. An dem Kurs können maximal sechs Leute teilnehmen. Ich fände eine Betreuung durch zwei Trainer besser, denn Michael konnte immer nur eine Gruppe intensiv betreuen, da nach der Einführung beide Gruppen parallel kletterten.

Boa sind die eng!

Zuerst bekamen wir Kletterschuhe und Klettergurte. Die Schuhe sind brutal eng und müssen es auch sein. Am Anfang fühlt es sich ungelogen so an, als läge dein Fuß auf der Seite und jemand stellt sich drauf! Das führte wohl meinerseits zu dem von einer gewissen namentlich bekannten Beobachterin 😉 festgestellten skeptischen (eher schmerzhaften) Miene. Ich hatte schon einer Nummer größer als angegeben bekommen. Aber anfangs dachte ich: Entweder sterben die Füße recht bald ab oder Du lässt Dir eine Nummer größer geben. Aber Michael empfahl, es erst mal zu probieren und erklärte Kletterschuhe müssen eng sitzen, damit man Halt und Kontrolle hat. Außerdem würden die Schuhe weicher werden, wenn sie warm seien. Das trifft zu, denn nach einer Weile saßen die Schuhe immer noch stramm, waren aber nicht mehr unbequem. Was den Klettergurt betrifft, ist man geneigt, den so fest wie nur irgend möglich zu ziehen. Aber Michael sagte, dass noch eine knappe Handbreit Platz zwischen Beinen und Gurt sein müsse, schließlich will und muss man sich darin ja noch bewegen und klettern können.

So ihr sichert selbst!

Wir alle fünf waren Anfänger und Michael sagte uns direkt, das wir uns selbst gegenseitig sichern werden. Da war ich nicht ganz so begeistert von. Sicher, man muss das Sichern lernen, aber dennoch hätte ich mich mit einem erfahrenen Kletterer wohler gefühlt, aber dazu gleich mehr. Wir bekamen kurz erklärt, wie man sich als Kletterer in das Sicherungsseil einbindet und wie man als Sichernder richtig sichert. Dazu dient ein Gerät namens „Grigri“ am Gurt des Sichernden. Das ist eine Art Rollblock, der automatisch zumacht und hält, wenn das Seil in Fallrichtung anruckt. Michael erklärte, dass man Kletterer bis zum anderthalbfachen des eigenen Gewichtes sichern kann. Ich war nicht der Leichteste in der Gruppe, eher im Gegenteil. Auch mein entsprechender Hinweis, das ich kein Schmachthaken sei wurde mit „Ja ja, da geht schon“ kommentiert. Wir werden sehen …

Beim Sichern zieht man das Seil immer nach, so dass es ohne den Kletterer zu ziehen „stramm steht“ und nicht hängt oder baumelt. Man zieht mit einer Hand nach und führt das aus dem Grigri laufende Seil mit der anderen seitwärts weg. Fällt der Kletterer, geht das Grigri automatisch zu und der Kletterer hängt sicher im Gurt, wenn die Gewichtsverhältnisse stimmen. Würde man „Schlappseil“ hängen lassen, weil man nicht aufpasst und nicht ordentlich zieht, würde der Kletterer erst ein Stück fallen und es gäbe für beide, also Sichernden und Kletterer, einen derben Ruck. Ist der Kletterer oben angekommen, zieht man das Seil richtig straff, damit der Kletterer die Wand loslassen und sich ins Seil setzen kann. Dann lässt man ihn langsam ab, indem man die Bremse des Grigri dosiert löst. Das hat jeweils Michael gemacht.

Zum erste mal im Leben klettern

Der Boulder-Room. Technik- und Muckibude für Kletterer
Der Boulder-Room. Technik- und Muckibude für Kletterer

Nachdem erst zwei andere dran waren, wurde ich ins Seil eingebunden und war an der Reihe. Solange man guten Stand und gute Griffe hat – wir haben mit einer einfachen Route begonnen – ist Klettern simpel. Die Hände und Arme halten und führen, die Beine „steigen“ quasi wie auf einer Leiter und leisten die wesentliche Hubarbeit. Ich bin also Zug um Zug nach oben geklettert. Die Wand ist 13 Meter hoch. Nach 10 Metern habe ich dann keinen stabilen Griff und Tritt mehr gefunden. Jetzt wäre experimentieren angesagt gewesen … beim ersten mal?

Da war die Sache mit dem „Anderthalbfach“. Der Junge namens Philipp, der mich sicherte, war im Vergleich zu mir eher ein zarter Bursche und definitiv nicht in meiner Gewichtsklasse. Ich dachte mir: „Wenn ich jetzt auf Risiko spiele und versuche, den nächsten Griff ohne sicheren Stand durch Überstrecken oder beinahe Springen zu erwischen und das nicht hinhaut und ich abrutsche, dann bin ich sehr schnell unten und Philipp deutlich schneller oben, als es ihm und mir lieb ist.“ Also habe ich an der Stelle abgebrochen und gerufen, dass man mich ablassen soll. Das Ablassen hat wie gesagt Michael gemacht und siehe da, auf einmal hat er dann doch gerafft, dass hier nicht gerade ausgewogene Verhältnisse bestehen. Daher hat Philipp später einen 15 Kilo Sandsack angebunden bekommen, wenn ich in Richtung Hallendach strebte, damit die Rechnung halbwegs stimmte. Nach meiner Erstbesteigung hatte ich dann doch etwas zitternde Knie, aber vor Aufregung, nicht vor Angst.

In Sachen abseilen hieß es, auf die Technik vertrauen, denn Du musst die Wand loslassen, Dich ins Seil setzen und quasi mit den Füßen die Wand runter laufen, während das Seil nachgelassen wird. Das Kletterseil hat eine Bruchlast von 2 Tonnen. Sprich reichlich Reserve, auch für die Psyche. Auch das Gurtzeug ist nicht unbequem, wenn man drin sitzt und fühlt sich stabil an.

Höhenangst

Darauf war ich ja gespannt, ob ich Höhenangst bekomme. Definitiv nein. Auf keiner Leiter war ich jemals so hoch, wie dort an dieser Kletterwand, aber Höhenangst hatte ich keine. Einen gesunden Respekt ja und der ist auch wichtig, denn der sorgt dafür, dass Du vorsichtig und gründlich zu Werke gehst. Selbst als ich von da oben runter geschaut habe, wurde mir nicht mulmig zu Mute. Nur dann, wenn ich keinen sicheren Stand und Halt hatte, fand ich es ein wenig „anregend“. Aber man ist ja gesichert. Das Kine-Zittern hatte sich nach der Erstbesteigung bei den nächsten Routen dann auch erledigt.

Die Griffe – von angenehm groß bis Hühnerei

Solange man die Kunstgriffe hat, die schön groß sind und gut profiliert, das man voll mit allen Fingern satt hinein greifen oder den Fuß flächig drauf stellen kann, ist alles prima und das Klettern ist einfach und geht zügig voran. Die Hubarbeit leisten wie gesagt die Beine. Spannend wird es, wenn die Distanzen zwischen den Griffen und Tritten größer werden und man sich strecken muss. Und fies sind diese kleinen Dinger, die so winzig wie ein Hühnerei sind und eventuell auch so „ungriffig“. An die „Griffleinchen“ muss man sich gewöhnen und das wird bei mir noch dauern. Ich hab lieber „die Hand voll“, als mit den Fingerkuppen zu klammern.  Mehrmals habe ich bei der Kombination aus kleinen Hühnereigriffen und großer Distanz das Klettern lieber abgebrochen und mich abseilen lassen. Und das hat folgenden Grund:

Sichern ist Vertrauenssache

Auch nachdem Philipp mit dem Sandsack ausgestattet war, habe ich mich mit ihm als Sicherenden nicht wohl gefühlt. Trainer Michael war oft bei der anderen Gruppe, wenn ich in der Wand war und Philipp war irgendwie nicht richtig bei der Sache. Vielleicht tue ich ihm unrecht, aber ich hatte den Eindruck. Mehrmals musste ich ihn von oben erinnern, das er den Sicherungsknoten macht. Den macht man ins durchgeholte Seil, sobald der Kletterer 2,5 Meter hoch ist. Das dient wohl als Notbremse, wenn die Automatik des Grigri versagen sollte. Dann stürzt man zwar tief aber nicht ab. Einmal war ich auf der einen Route doch fast bis ganz oben und wollte die letzten schwierigen  Griffe wagen, da war auf einmal das Seil schlapp und lommelig. Philipp unterhielt sich angeregt mit einer Blondine und achtete nicht mehr auf die Seilführung und ließ „Schlappseil“ hängen. Für mich der Moment, sofort abzubrechen und um das Abseilen zu bitten.

Wenn man jemanden sichert, hält man quasi dessen Leben mittels des Seils in Händen. Da muss man aufpassen. Ich weiß, dass ich jetzt nach Klugscheißer klinge. Aber es ist definitiv so! Genau deshalb fand ich es auch, wie eingangs erwähnt, nicht gut, das nur ein Trainer bei der Gruppe war und direkt die Anfänger selbst die Sicherung übernommen haben. Wäre bei jeder Gruppe jeweils ein Trainer gewesen, hätte der sofort eingreifen können.

Du begegnest Dir selbst

Wenn Du kletterst, dann begegnest Du Dir irgendwie selbst. Du merkst was für ein Typ Du bist. Eher der riskante der sagt, irgendwie probieren, wird schon irgendwie schief gehen. Augen zu und durch. Wenn Du so ein Typ bist, dann hängs’te halt auch mal schnell baumelnd im Sicherungsseil. Besagte Blondine ist einmal abgerutscht, als ich gesichert habe. Es ist nicht passiert, denn ich habe aufgepasst. Mit Philipp am unteren Ende des Seils habe ich mir direkt gesagt: „Bis hier hin und nicht weiter“. Lieber abbrechen, wenn man sich nicht wohl fühlt als dann dumm gucken, wenn es schief geht. Mit einem erfahrenen Sichernden in meiner Gewichtsklasse und mit der nötigen Aufmerksamkeit hätte ich vielleicht mehr riskiert. Aber in der Situation wollte ich nicht abschmieren.

Ich lote gerne meine Grenzen aus und schiebe die ein Stück weiter, aber  in solchen Situationen einerseits nicht mit der Hauruckmethode und andererseits nicht mit Fremden, an denen ich sprichwörtlich hänge. Nichts gegen wohl kalkuliertes Risiko, aber die Kalkulation muss halt stimmen.

Macht es Spaß?

Aber Hallo! Und wie! Ich kann nur jedem empfehlen, wenigstens mal den Schnupperkurs zu machen und es und „sich“ auszuprobieren. Ich bin fünf Routen geklettert. Sogar eine mit einem leichten Überhang. Es hat sehr viel Spaß gemacht und es strengt insgesamt doch sehr an. Die Dusche danach war eine Wohltat. Aber wie gesagt, es war GEIL! Daher kann ich mal Arnold Schwarzenegger aus Terminator 1 zitieren: „Ich komme wieder.“

Fazit

Klettern ist leichter als man denkt. Man muss kein Muskel bepackter Superathlet sein, um damit anzufangen. Mit dem Training und der Erfahrung schafft man dann sicher auch schnell höhere Schwierigkeitsgrade. Da in der Halle ist einer im Überhang hängend unter der waagrechten Decke rum geklettert und hat sich mit einem „Toehook“ an seine Füße gehängt. Krass! Es strengt an, ohne das man sich dabei kaputt schafft. Und so wie es jetzt schon in meinen Unterarmen zieht, werde ich morgen Muskelkater haben. Aber das ganze ist auch ein gutes Training. Es macht wirklich Spaß und es ist bezahlbar! Der Schnupperkurs kostet 19,90 Euro, der Grundkurs 39,90. Hat man den Grundkurs absolviert, darf man alleine mit einem gleichsam ausgebildeten Partner klettern. Die Ausrüstung kann man sich anfangs komplett ausleihen. Jetzt suche ich Leute, mit denen man klettern gehen kann. Will jemand mit mir im Frühjahr den Grundkurs machen?

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