Bedrohlich droht bedrohlich drohendes Glatteis – NICHT!

Verbales Glatteis in den Medien.
Verbales Glatteis in den Medien.

Heute morgen, 8.02 Uhr im Straßenzustandsbericht in Radio SWR3: „In einigen Regionen droht Glätte.“ NEIN! Glätte droht nicht! Die hier angesprochene Glätte resultiert aus dem festen Aggregatzustand von Wasser. Doch Wasser ist nicht in der Lage, irgendwelche Drohungen zu artikulieren, egal ob es in seiner gasförmigen, flüssigen oder festen Form in Erscheinung tritt. Wenn hier in Sachen Glätte unbedingt gedroht werden muss, dann allerhöchstens so: „Es droht, glatt zu werden.“ Und auch hier bliebe die Frage berechtigt, wer oder was mit „Es“ gemeint ist. Besser wäre eine einfache Formulierung wie „es könnte glatt werden“, oder „Es besteht die Gefahr das es glatt wird“ oder meinetwegen „Es besteht die Gefahr von Glätte (oder ‚Glättegefahr’)“, wenn man auf das „werden“ verzichten will.

Dieses ganze sprachliche Gedrohe wird bedrohlich häufig gemissbraucht! Alle möglichen Dinge, die des Drohens in keiner Weise fähig sind, tun genau das, sie drohen medial. Ein wunderbares Beispiel lieferte die WAZ im März 2009 im Rahmen der Berichterstattung des Einsturzes des Kölner Stadtarchivs: „Selbst als ein Kirchturm umzukippen drohte, vermittelten die KVB stets den Eindruck, sie habe alles ‚im Griff’.“ Ah ja. Muss ich mir also vorstellen, dass der besagte Kirchturm irgendwo einen Mund nebst aller zur Artikulation von Sprache erforderlichen anatomischen Notwendigkeiten versteckt hat und die Passanten, die Feuerwehr oder wen auch immer von oben anbrüllte: „Hier mir langt’s! Ich kipp gleich um! Echt, ich kipp gleich aber so was von um!“

Und „Die Welt“ lässt gleich ein ganzes Atommüllager drohen: „Atommülllager bei Wolfenbüttel droht einzustürzen“. Wie wäre dass dann? Und aus den Tiefen des Bergwerkes Asse 2 erklingt eine donnernde Stimme: „Muahahahahaaaaa Ich stüüüüürze eeeeiiiiinnnn!!!“ Aber selbst nicht konkret gegenständliche Dinge können drohen. Bei der Süddeutschen droht eine Umweltkatastrophe der Antarktis, getreu dem Motto „So Antarktis, jetzt bist’e fällig, ich komme über dich und mach dich platt!“

Ich habe die verbalen Drohgebärden als aktuellen Anlass genommen, doch ähnlich missbräuchlich eingesetzte oder einfach nur überstrapazierte Metaphern gibt es viele. Nehmen wir die kriegslüsternen Formulierungen in der Fußball-Berichterstattung, wo „Bälle wie Bomben einschlagen“ oder ein Spieler eine „unhaltbare Granate in Netz abfeuert“ oder „Trainer van Graal auf dem Platz explodiert“. Letzteres würde ich gerne sehen. Auch das Handwerk kommt hier durchaus zur Geltung, wenn ein Fussballer „den Ball an die Latte nagelt“ oder die Abwehrspieler „mauern“.

Nichts gegen sprachliche Metaphern und eine unterhaltsame Schreibe oder Spreche. Aber manchmal wäre eine „Plausibilitätsprüfung“ durchaus ebenso wünschenswert wie der Verzicht auf den inflationären Einsatz solcher Worthülsen. Und wie nervtötend der übertrieben massive Einsatz vor allem abgedroschenster Floskeln werden kann, habe ich ja unlängst schon mal in „Fastnachtsberichterstattung oder: Wider die närrische Verbalschwulst“ erwähnt.

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