Gedanken zum Thema „Echtzeit-Web“ in Sachen Journalismus mit Twitter & Co

Auf der Webseite Elektrischer Reporter habe ich ein sehr interessantes Video „Real Time Web: Alles im Jetzt“ entdeckt (unten). Wer diesen Film anschaut, lernt auch schnell, dass viele Medien nach wie vor die Chancen nicht erkennen. Sicher immer mehr Medien, auch beispielsweise die hiesige Allgemeine Zeitung oder mein Brötchengeber T-Online nutzen Twitter und Facebook. Aber meist wird wieder nur der alte klassische Ansatz des reinen „Sendeweges“ genutzt. Es werden nur Informationen ausgesendet. Doch damit bleibt ein großer Teil der Multiplikationswirkung ungenutzt. Zunächst mal das Stichwort „Retweeten“. Wenn man es schafft, eine Tweet so interessant zu machen das er geretweetet wird (grausames Denglisch, ich weis), multipliziert sich das, wie im Video erklärt wird exponentiell. Aber die Medien ignorieren dabei die Tatsache, dass sie auch selbst retweeten sollten, denn das ganze Spiel funktioniert nach dem Prinzip geben und nehmen. Durch die Nutzung von Twitter, Facebook & Co als reinen Sendeweg, bleiben die Medien passiv und binden den Mitmach-Effekt nicht ein.

Genau in die selbe Ecke gehört ein weiterer Fehler: Twitter & Co werden nicht als Quelle und Eingangskanal für Informationen und auch Kommunikation mit Nutzern überhaupt oder konsequent genutzt. wie schon erwähnt, es wird ausschließlich gesendet, nicht aber kommuniziert und interagiert. Hier Konzepte zu entwickeln ist meiner Meinung nach die Aufgabe von uns Medienschaffenden. Nicht nur ins Echtzeit-Web senden, sondern auch daraus Informationen halbwegs in Echtzeit in den eigenen Plattformen umsetzen. Das schwierige dabei wird sein, die eingehenden Inhalte hinsichtlich ihrer Qualität, Authentizität und Verifizierbarkeit her zu filtern. Dazu ein Beispiel:

Am gestrigen Montag erfuhr ich zuerst über einen Tweet in Twitter, das der bekannte Abmahn-Anwalt Günter Freiher von Gravenreuth sich umgebracht hat. Über 40 Minuten lang gab es nur eine einzige Quelle für diese Meldung, einen Screenshot und Webcast des Videotextes vom Bayerischen Rundfunk. Bevor wir die Meldung bringen konnen, galt jetzt also die alte Regel, eine Meldung mindestens aus einer, eher mehr von der Primärquelle unabhängigen Quelle zu bestätigen und verifizieren. Erst als die Meldungslage zu dem Suizid dann valide anwuchs, konnten wir die Meldung bringen. Aber Twitter hat diese Nachricht zuerst verbreitet. Selbst DPA war erst Stunden später mit der Meldung im Ticker vertreten.

An diesem Beispiel sehen wir, welchen Wandel das Echtzeitweb mit sich bringt, gerade auch für den Journalistenalltag. Klassische Agenturen bekommen Konkurrenz durch „Echtzeit-Sender“ von Informationen. Ob es der Leser des Bayerntextes im Gravenreuth-Beispiel ist, oder die tausenden Menschen, die bei den Aufständen im Iran über die Brutalität des Regime die Infos und Bilder über Twitter in die Welt sanden, die das Regime so gerne unterdrücken wollte.

Was spräche dagegen gerade in Lokaljournalismus, Twitter-Feeds, die live von einer Veranstaltung vor Ort kommen, lange vor dem erscheinen des ersten Online-Atikels in die Webseite des Mediums einzubinden. Damit bindet man das Event direkt als Quelle in die erste Welle der Berichterstattung ein. In diesem Live-artigen Feed kann man immer wieder die Information einstreuen, dass in kürze ein ausführlicher Bericht an gleicher Stelle folgt. Die theoretischen Möglichkeiten, Echtzeitdienste wie Twitter als Medium in beide Richtungen zu nutzen, sind vielfältig. Es wird sich zeigen, wer den Mut hat, einiges davon in die Praxis umzusetzen und wie das erfolgen wird.

Von den Möglichkeiten, die Dienste wie YouTube in dieser Hinsicht bieten, werde ich ein anderes mal berichten. Eins steht fest: Nie war ein Paradigmenwandel in der Medien- und Komuniaktionswelt so deutlich und spürbar und dringend nötig, wie heute. Und der Wandel hat gerade erst begonnen!


Elektrischer Reporter – Real Time Web: Alles im Jetzt

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