Kultur ist selbst gemacht und vor Ort am schönsten – Das Schräge Jubiläum

Ich kenne ein Ehepaar, das leistet sich Kultur. Ja wirklich „leisten“, so nennen die es selbst. Sie haben ein Theaterabonnement für das Theater in Mainz, selbstverständlich beste Sitzplatzkategorie. „Dafür zahlen wir immerhin….“, so erzählen sie gerne. Unlängst berichteten sie: „Wir waren in der Semperoper in Dresden. Die Karten haben XX Euro gekostet, aber man gönnt sich ja sonst nichts.“ Wann immer beide über Theater- und Operbesuche berichten, schwingt in ihren Erzählungen der gleiche Tenor (nein nicht der, der singt, hier wird die erste Silbe betont!) mit: „Es ist nur gut, wenn es möglichst teuer und exklusiv ist“.

Dass Theateraufführungen wie in Mainz und die Vorstellungen in der Semperoper in Dresden zweifelsohne kulturelle Highlights sind, bestreite ich nicht im Geringsten. Aber wenn der Besuch eben jener Bühnen weniger dem Genuss der Kultur als der Definition des eigenen sozialen Status dient, dann finde ich das langweilig.

Kultur sollte man sich nicht leisten, sondern gönnen!

Ich für meinen Teil leiste mir keine Kultur. Nein, ich gönne sie mir und das mit Lust und Vergnügen! Und Kultur ist in meinen Augen mehr als das, was in hohen Häusern für teures Geld in feinem Zwirn auf engem Gestühl abgesessen wird. Kultur ist für mich beispielsweise auch ein Konzert von Depeche Mode, obwohl man auch dafür mittlerweile viel zahlen muss. Kultur ist auch ein Abend im Unterhaus, um mich über Comedian Sven Hieronymus wegzulachen. Selbst ein guter Kinofilm ist für mich Kultur.

Kultur ist am schönsten direkt vor Ort, wo sie von Herzen kommt

Mit die schönste Kultur für mich aber ist die hausgemachte, direkt vor Ort. Dort wo beispielsweise die Theatergruppe des Gesangverein Liederkranz Mommenheim mit minimalem Budget aber umso mehr Herzblut, Engagement und Begeisterung eine musikalische Komödie inszeniert. Ein Stück namens „Das schräge Jubiläum“, das ihnen von einem befreundeten Autor und Komponisten quasi auf den Leib maßgeschrieben wurde. Ein Stück, das von Laien wie Du und ich ebenso mühe- wie liebevoll über ein halbes Jahr lang einstudiert wurde. Den Lohn dieser Mühe durfte ich am Sonntag genießen. Dafür lohnte sich auch absolut die ausnahmsweise weite An- und verfrühte Abreise von einer Tagung bei Hannover.

Kurt Knorz (Jens Eilart), Hans Butta (Bertold Lingk)  und Ernst Eilig (Andreas Lingk) (Bild: Ulla Niemann)
Kurt Knorz (Jens Eilart), Hans Butta (Bertold Lingk) und Ernst Eilig (Andreas Lingk) (Bild: Ulla Niemann)

Giovanni, Félipe & Co

Das Stück brilliert mit Humor mit Lokalkolorit und vielen wunderbar schrägen Charakteren. Meine beiden Favoriten sind Boss – äh Verzeihung – Giovanni Ravioli und Félipe Pesto. Die beiden Mafiosi wurden von Holger Pietsch und Thomas Schleicher wirklich genial als rheinhessische Ausgabe der beiden Gangster aus „Knockin‘ on Heaven’s Door“ gespielt. Und wenn Félipe das Wort „Schatz“ in den Mund nahm, dann hatte das schon etwas sehr „Gollum-eskes“. Aber auch der zartrosa Postboote Ernst Eilig (Andreas Lingk) war ein Genuss.

Giovanni Ravioli und Félipe Pesto, gespielt von Holger Pietsch und Thomas Schleicher.
Giovanni Ravioli und Félipe Pesto, gespielt von Holger Pietsch und Thomas Schleicher. (Bild: Ulla Niemann)

Ich hätte da auch Spaß dran

Als ich da im Publikum saß und langsam Seitenstechen vom Lachen bekam, musste ich leider auch neidvoll auf die Bühne blicken, denn ich hätte auch viel Spaß daran, bei so etwas mit zu machen. Aber ich wüsste nicht, dass es in Oppenheim eine so aktive Laientheatertruppe gäbe. Und die Oppenheimer Festspiele tendieren wieder in die Richtung der Kultur, die man sich „leistet“ und die wohl keine Laien auch nicht als Komparsen auf der Bühne duldet. So muss ich mich vorerst wohl mit dem Chrogesang bei der Harmonie begnügen, der allerdings ebenfalls unglaublich viel Spaß macht.

Zu Papier gebracht

Ich habe über das schräge Jubiläum auch für die Allgemeine Zeitung geschrieben. Mein Originaltext ist wieder dem für eine Tageszeitung üblichen knapp bemessenen Platz zum Opfer gefallen, denn das Kurzinterview mit dem Autor und Komponisten Mathias Gall fehlt. Und die eine oder andere sprachliche Spielerei wurde „gestrafft“. Deshalb nachfolgend mein Originaltext so, wie ich ihn eingereicht habe.

Mein Dank an dieser Stelle gilt noch Ulla Niemann, die als Mitwirkende nicht nur den Berufstand des Journalisten – dem wir beide angehören – auf der Bühne mit einem ironischen Augenzwinkern dargestellt hat. Sie hat mir auch die schönen Bilder für diesen Blogbeitrag zur Verfügung gestellt. Wenn ich Giovanni und Félipe auf dem Bild sehe, könnte ich mich jetzt direkt wieder schieflachen.

"Scheefchen" Bürgermeister Bingo (Horst Kau) und Assistentin Schindluder (Sabine Biermann). (Bild: Ulla Niemann)
"Scheefchen" Bürgermeister Bingo (Horst Kau) und Assistentin Schindluder (Sabine Biermann). (Bild: Ulla Niemann)

Hier der Originaltext:

MOMMENHEIM (ale) „Trallitralla die Post ist da!“ So hüpfte Postbote Ernst Eilig, gekleidete in die zarteste Versuchung seit es Postuniformen gibt, frohlockend auf Bühne. Der knallpinke Anzug mit dem Posthorn auf dem Rücken wurde von Andreas Lingk gekonnt mit zuckersüßen Leben gefüllt. Doch der Männer-hungrige Postbote war nicht die einzige schräge Figur, die das Publikum in der restlos ausverkauften Mommenheimer Gemeindehalle zum freudigen Johlen brachte. Da war beispielsweise der Bürgermeister „Schäfscheen“ Bingo, gespielt von Horst Kau, dem seine liebestolle Sekretärin Frau Schindluder, die von Sabine Biermann mit französischem Charme erfüllt wurde, fortwährend nicht nur am Jackensaum zupfte. Bekanntlich tun Bürgermeister allerorten einiges für Ihre Wiederwahl und Bingo kam auf die Idee, ein Jubiläum zu erfinden, um sich eine Wahlkampfbühne zu verschaffen. Mit der Idee war er bei Familie Butta genau an der richtigen Adresse, die darin eine ideale Chance sah, für ihren Gasthof „Vogelhorst“ auf Kundenfang zu gehen. Das die Konkurrenz in Gestalt von Imbissbuden-Besitzerin Berta Fettich, gespielt von Marlis Schmitt, nicht tatenlos zusieht, lag auf der Hand. Und so sangen alle im ersten Akt „Das wird ein Fest“.

Nach 26 Jahren eine Weltpremiere für die Theatergruppe des GV Liederkranz Mommenheim, denn erstmals führte das Ensemble mit dem „schrägen Jubiläum“ eine musikalische Komödie auf. Erstmals ergänzten Gesangseinlagen das muntere Spiel. Erstmal mussten die Männer und Frauen neben Rolle und Text auch das Singen üben. Mathias Gall hat der Gruppe aber auch der ganzen Gemeinde das Stück auf den Leib geschrieben und komponiert. Auf die Frage der AZ, welche besonderen Herausforderungen es beim Schreiben und Komponieren des Stückes gab, erklärte Gall: „Erstens, ich habe bisher noch nie ein Stück in der Größenordnung entwickelt. Zweitens, ich komme eher von der Musik und vom Komponieren. Drittens, die Sonderwünsche des Regisseurs, der auch mein Onkel ist.“ Die Regie hatte wie immer Siegfried Herrgesell, der auch als Landrat seinen Auftritt hatte. Dass das Werk trefflich gelungen ist, zeigten nicht nur die Schauspieler mit ihrer beeindruckenden Leistung, sondern auch das Publikum mit einer wohlverdienten Überdosis Applaus.

Der Streit der Nachbarn wurde in Form eines theatralischen Kulturduells ausgetragen, doch damit riss der Spannungsboden des Stückes bei weitem nicht ab. Da gab es schmachtende Liebe, beispielsweise wenn Hans Butta (Bertold Lingk) von seiner Biiiiiiiiirgit Fettich (Gundula Raab) schwärmte. Der handwerklich begabte und als „Dr. Love“ besungene Knut Knorz (Jens Eilart) war nicht minder in Frisörin Sarah Schnippig (Sandra Heid) verschossen. Nach etwas ganz anderem schmachteten unterdessen Boss – äh verzeihung – Giovanni Ravioli und Felipe Pesto. Die beiden Mafiosi, genial verkörpert von Holger Pietsch und Thomas Schleicher, waren auf der Jagd nach einem Schatz, den sie unter dem Gründungsbrunnen vermuteten. Daher besangen sie auch, wie wichtig „reich sein“ ist. Und immer zur falschen Zeit am rechten Ort war mit gezückter Kamera und spitzen Bleistift Reporterin Wicki Intrest, alias Ulla Niemann, um in der Zeitung zu berichten, was Bürgermeister Bingo kaum ins Wahlkampfkonzept passte.

Das Jubiläum gipfelte schließlich im Theaterduell „Butta gegen Fettich“. Während Hanna und Herbert Butta, gespielt von Sabine Strohm und Manfred Schmitt, mit ihrer Gruppe zur theatralischen Zeitreise einluden, boten Fettichs ihre eigene Interpretation von Romeo und Julia. Bruno Fettich (Herbert Walther) musste seiner umtriebigen Schwester anfangs erklären, das Old Shatterhand weder von Shakespeare ersonnen wurde noch eine Rolle im Stück der unglücklichen Liebe spielt. Im furiosen Finale kam dann alles zu einem glücklichen Ende. Fast jeder hielt seinen Schatz im oder sogar auf dem Arm und selbst die beiden Mafiosi sind jetzt eingebürgerte „Mummerummer“. Zum Schluss stimmten alle gemeinsam die Mommenheim-Hymne an.

Kommentar verfassen