Guerilla Marketing für Handyhändler auf die dreckige Tour

„Ich hab seit Mittwoch ein Päckchen für Sie!“ Das sagte mir meine Nachbarin, nachdem sie mich am Karfreitag in aller Herrgottsfrühe so gegen 9:00 Uhr vormittags aus dem Bett geklingelt hatte und mir eben jenes Päckchen übergab, dass sie für mich angenommen hatte. Da ich nichts erwartete und Pakete für gewöhnlich an eine Packstation liefern lasse, wunderte ich mich ein wenig und das, wie ich schnell feststellte, vollkommen zu recht.

In dem Päckchen fand ich ein Samsung-Handy vor. Es war ein Prepaid-Handy mit SIM-Lock. Und ich fand ein Anschreiben dabei von einer Firma mit Sitz in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. Nennen wir die Firma mal Handy 25-1 oder meinetwegen Handy 23+1. Das Ansinnen dieses Unternehmens, das da in dem Anschreiben an mich heran getragen wurde, war schon erstaunlich.

Ein gewisser Tobias K. teilte mir mit, dass man auf mich als begeisterter Blogger aufmerksam geworden sei. Soweit so gut, dass trifft ja durchaus zu und es ist schön, wenn so etwas Anerkennung findet. Dann aber kam das, was mich doch nicht nur in Erstaunen versetzte, sondern auch zornig machte, denn  ich las folgendes:

Sind blogger käuflich und so billig zu haben?
Sind blogger 1. käuflich und 2. wirklich so billig zu haben?

Langer verbriefter Rede kurzer Unsinn, ich soll also eine lobgehudelte Berichterstattung über eine Internetseite, auf der ein Jeder Handys für wie auch immer zu wertende Monatsraten kaufen kann, als redaktionellen Beitrag getarnt auf meinem Blog veröffentlichen. Da ja nur „der schönste Beitrag“ Chance auf den Gewinn des Apple-Handys hat, ist Kritik quasi verboten. Geködert werde ich als Blogger mit der theoretischen Möglichkeit, ein iPhone zu gewinnen. Und damit ich mich in vorauseilendem Gehorsam und ohne nachzudenken vor den Werbekarren dieses Unternehmens spannen lasse, bekomme ich schon mal ein PrePaid-Handy als Anfütterung. So getreu dem Motto: „Wenn wir jemandem schon ein Handy schenken, dann wird er sicher auch sofort brav spuren und unsere „Aufgabenstellung“ freudig in die Tat umsetzen.

Guerilla Marketing ist ja längst kein Fremdwort mehr, aber diese dreiste Nummer ist schon ein besonders krasses Beispiel für die in diesem Fall mehr als dubiose Taktik. Das schlimme ist, dass diese Frechheit bei vielen Bloggern funktionieren wird, denn nicht jeder, der ein Blog betreibt, hat wie ich eine journalistische Ausbildung und nimmt an diesem Ansinnen Anstoß. Es wird also leider viele Blogger geben, die sich nichts Schlimmes bei dieser Sache denken. Die sich deshalb von dem Gratishandy und der Aussicht auf ein iPhone 3GS blenden und vor den Werbekarren dieses Anbieters spannen und somit billig kaufen lassen.

Ich habe das gesamte Paket heute postwendend an den Herrn Tobias K. in der besagten Firma aus Wiesbaden zurück geschickt. Und ich habe dem Paket noch einen Ausdruck des Deutschen Pressekodex beigelegt. Damit der gute Tobias K. versteht, worum es geht, hab ich ihm sogar extra die Ziffern 6, 7 und 15 des Pressekodex markiert. Hier diese drei Abschnitte noch mal zum nachlesen.

Ziffer 6  –  Trennung von Tätigkeiten
Journalisten und Verleger üben keine Tätigkeiten aus, die die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen könnten.

Ziffer 7  –  Trennung von Werbung und Redaktion
Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein.

Ziffer 15  –  Vergünstigungen

Die Annahme von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinträchtigen, sind mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar. Wer sich für die Verbreitung oder Unterdrückung von Nachrichten bestechen lässt, handelt unehrenhaft und berufswidrig.

Für diese dreiste Nummer haben sich Tobias K. und seine Firma in Wiesbaden das Gütesiegel „Depp des Tages“ redlich verdient.

  1. Nur gerade, wer den Alltag vieler Redaktionen von „seriösen“ Redaktionen kennt, weiß das inzwischen viele Beiträge von PR-Abteilungen von Unternehmen stammen, die sich gut dargestellt wissen wollen. Ich halte dies nicht für richtig, nur dein Argument, dass Blogger mit journalistischer Ausbildung sich an den Pressekodex halten, ist absurd (leider).

    Artikel, Radio/Fernsehfeatures im Austausch gegen Werbebuchung sind journalistischer Alltag. Auch oder gerade im sogenannten „Qualitätsjournalismus“.

    Ich hätte das Prepaid-Handy behalten, mich totgelacht und natürlich nicht den gewünschten Werbebeitrag geschrieben.

    Liebe Grüße
    Brigitte

  2. @DifferentStars Zumindest besteht bei den Bloggern, die einen journalistischen Background haben die Hoffnung, dass sie Anstoß nehmen. Aber all die Blogger, die diese Spielregeln des Pressekodex nicht kennen, und ohne Argwohn in die Falle gehen.

    Wobei Du hast schon recht, wenn ich so manches „Advertorial“ sehen, dann sind die Grenzen leider lange schon fließend.

  3. Auch Anfang des Jahres genau das selbe bekommen.
    Das schlimmste ist allerdings, das die einfach im Namen anderer einen Vertrag abschließen. Das Handy lieft sicher auf deinen Namen mit einem O2 Prepaidvertrag?!
    Das ist so als ob ich für einen Unbekannten einen Kabel-Internetvertrag abschließe. Unglaublich!!!
    Hat noch jemand den Brief erhalten? Eigentlich müsste man gegen solche Praktiken vorgehen. Nur das Handy – da hätte ich nix gesagt, aber so…

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