Schwarzseherei – oder Goth ist nicht gleich Goth

Gestern Abend (respektive gestern Nacht) war ich wieder mal im KUZ. Diesmal hab ich mir die Party „Dark Awakening“ gegönnt. Das ist seit Jahrzehnten quasi DIE Instanz für Dark Wave-Musik und traditionell eine Art Pilgerstätte für die Anhänger der Gothic-Szene. Laut Wikipedia ist Gothic: „Eine Subkultur im Rahmen der Post-Punk- und Dark-Wave-Bewegung.“ Wer glaubt, Gothics stehen vor allem auf The Cure, Depeche Mode oder Dead or Alive, der kratzt wirklich nur an der musikalischen Oberfläche. Gothic Musik hat viele Geschmacksrichtungen und Ausprägungen. Gothic Musik wird vom Bass und schnellen Rhythmen getrieben. Gitarren hacken oft da mitten rein und meist wird auch exzessiv mit elektronischen Sound-Effekten gearbeitet. Gothic Musik-Stücke sind „psychedelisch“ und gut tanzbar. Apropos tanzen. Goths tanzen eher langsam und gleichmäßig, eher wie in Trance als schnell und hyperaktiv. Meist wird ein gleichbleibender wiegender Schritt bevorzugt, ab und an mit Bewegungen der Arme garniert. Hier im Video mal eine Hörprobe.

Sicher The Cure und ein bisschen auch Depeche Mode sind das vermutlich bekannteste und kommerziell erfolgreichste Aushängeschild der Szene. Aber Gothic Musik ist mehr, viel mehr. Das beginnt beispielsweise bei der Electronic Body Music (EBM) mit bekannteren Bands wie Front 242 oder Nitzer Ebb und heute Oomph, die ebenfalls als EBM’ler angefangen haben. Gothic Bands singen oft mit Bassstimmen oder Untertongesang, also einer bewusst „tiefer gelegten“ Stimmlage. Der Gesang artet auch gerne mal in Geschrei aus. Aber damit genug des theoretischen Unterbaus. Kommen wir zum vergnüglichen Teil: Der Betrachtung der „Gothic-Typoligie“ im KUZ.

Das KUZ ist beim Dark Awakening immer gerappelt voll von Gothics, kurz Goths. Wer aber jetzt denkt, Goths sind alle schwarz angezogen und schon haben wir die Subkultur im wesentlichen in die nötige Schublade verfrachtet, der irrt. Oh und wie er irrt. Denn: Goth ist nicht gleich Goth! Ich möchte hier meine gestrigen Beobachtungen mal in eine völlig freie selbst erstellte Typologie einteilen. Diese ist höchst unvollständig, aber alle Ausprägungen der Goth-Szene zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen.

Der Ich hab da noch was Schwarzes im Schrank gefunden-Goth

Der Typ ist eigentlich vom Styling und Outfit gar kein Goth, sondern steht nur auf die Musik. Aber er will sich bei so eine Dark-Wave-Party nicht die Blöße geben, in „Zivil“ zu erscheinen. Deshalb zieht er schwarze Klamotten an, die sein Kleiderschrank bietet. Das traft gestern Abend auf mich zu.

Der alltagstaugliche Goth

Er trägt schwarze Klamotten, die aber auch noch halbwegs ins normale Straßenbild passen, ohne aufzufallen. Auch seine Frisur kann in einem Nicht-Party-Modus betrieben werden und fällt dann nicht sonderlich auf. Sprich, die Haare sind nicht sonderlich gefärbt oder speziell geschnitten oder frisiert. Auch rennt er wenn überhaupt, dann höchstens auf einer Dark-Wave-Party mit leicht geschminktem Gesicht umher. Etwas Liedschatten, etwas Kalialstift. Vielleicht schwarzer Lippenstift. Sprich, im Büro oder sonst irgendwo auf der Arbeit fällt er nicht weiter auf.

Der Männerrock-Goth

Durchaus groß war gestern diese Gruppe. Hier tragen Männer Röcke. Diese sind in der Regel fast bodenlang und schwarz. Manchmal mit einigen dekorativen Applikationen wie Schnallen oder Metallkettchen, aber oft sehr schlicht. Meist sind das engere Wickelröcke, die manchmal auch eher kurz sein können wie Schotten-Kilts. Gestern gab es aber keinen Kerl im Kilt. Auch oben rum wird hier meist schlichtes Schwarz getragen. Hier ist auch oft das Gesicht stärker geschminkt, meist auf blass und dann mit schwarzen Augen und Mund. Hier sieht man auch die ersten interessanten Frisuren wie mattschwarz gefärbte Haare oder einen langen asymetrischen Schnitt der Frisur.

Der Firlefanz-Goth

Der Firlefanz-Goth ist ein „Applikation-Freak“, denn seine Klamotten sind übersät mit Schnallen, Ringen, Riemchen, Bändern und anderen Aufnähseln und Anhängseln. Da klimpert, raschelt und knistert es, wenn er sich bewegt und mit diesen ganzen Applikationen wird die Kleidung gut und gerne drei bis sechs Kilo schwerer.

Der Schuh-Goth

Goths tragen gerne auffällige, oft grobe, stiefelartige Schuhe. Der Schuh-Goth treibt es hier auf die Spitze und trägt beispielsweise Stiefel, die bis zum Knie geschnürt werden oder auch aberwitzig hohe Sohlen haben. Mancher Schuh-Goth ist mit Schuhen 15 Zentimeter größer als ohne.

Goth-Stiefel

Der Mantel-Goth

Hier ist der Name quasi Programm, denn der Mantel-Goth trägt einen Mantel. Der reicht im Matrix-Style bis hinunter an die Fußknöchel. „On location“ trägt der Mantel-Goth den Mantel offen und er tanzt mit weit ausholenden, drehenden Bewegungen, damit der Mantel und dessen „Schöße“, also die knöchelnahe unteren Enden, ordentlich in Bewegung geraten und hin- und her schaukeln. Schließlich muss das wesentliche Designelement Mantel ja auch in Szene gesetzt werden. Gestern waren eine Hand voll dieser Sorte zu sehen. Der Mantel ist mal aus schwerem Leder auch oder auch mal aus glänzenden Brokatstoff, der wirkt wie ein schwarz gebatikter Sofabezug von Omas Biedermeiersitzmöble anmutet. Der Mantel-Goth schwitzt wie ein Schwein, denn in der Kutte ist es beim tanzen Mitte Mai natürlich unglaublich heiß und selbstverständlich werden auch unter dem Mantel lange Klamotte getragen.

Der Military-Goth

Er hat Uniformelemente an. Eine Hose in schwarzer oder dunkelgrauer Fleckentarnoptik. Eine Bomber/Pilotenjacke. Oft die Haare im militärischen Bürstenschnitt. Was Applikationen betrifft, liebt es der Military-Goth eher schlicht und „Firlefanz-arm“.

Der Gesichts-Frisuren-Goth

Die Kleidung ist auch hier schwarz und entspricht verschiedenen Stilen. Der Gesichts-Frisuren-Goth lebt sein Gothik-Sein aber in sehr auffälligen und nicht mehr alltagstauglichen Frisuren und sehr intensiver Schminke aus. Da war gestern beispielsweise einer mit einem rund 25 Zentimeter hohen Irokesenkamm, der über die Stirn hinaus ragte und sich bis in den Nacken zog und dort in eine lange Mähne überging. Aber auch bis auf einen „Deckel“ oben drauf kahl rasierte Schädel sind häufig. In Sachen Schminke wird sich hier gerne auf Leichen-blaß gemalt. Augen und Mund werden im starken Kontrast dazu schwarz gemalt.

Die Gothic-Bräute

Liebe Leser, verstehen Sie das bitte nicht falsch. Ich rede hier nicht abfällig von Frauen. Nein ich rede von Frauen, die tatsächlich Hochzeitskleider und auffällige Kostümkleider an haben. Nur eben nicht „ganz in weiß“, sonder ganz in schwarz.  Am interessantesten fand ich ein Gothic-Brautpaar. Sie ein Rüschenkleid mit Kopfschleier und angedeuteter Schleppe. Dazu ein Korsett, dass so eng geschnürt war, dass die dadurch verursachten Spätfolgen dem Erreichen des Rentenalters entgegenstehen dürften. Er indes war in einem schwarzen Frack gekleidet inklusive schräg auf dem Kopf „montierten“ Zylinderhut.

Der Sexbomben-Goth

Diese Unterart ist nur weiblich. Es ist verdammt viel, was diese Mädels nicht anhaben. Was sie Minirock aus schwarzem Lack oder Latex nennen, würden andere als breiten Gürtel werten wollen. Auch oben rum wird nur das Nötigste verdeckt. Der Rest des meist sehr wohl geformten und durchaus erotischen Körpers wird gut sichtbar hinter grobmaschigen Netzstrümpfen und Netzleibchen nicht wirklich versteckt, sondern eher gezeigt. Diese Mädels wissen, dass sie gut aussehen und zeigen das auch all zu gerne. Allerdings war gestern auch eine dabei, die sich selbst wohl eher als Persiflage des Sexbomben-Goths versteht. Denn wenn man dank eines dreistelligen Gewichtes Oberschenkel wie ein Nilpferd und einen ebensolchen Arsch hat, dann können rote Netzstrumpfhosen und viel zu kurze aber breite schwarze Jeans-Hotpants nur zynisch gemeint sein.

Der Neon-Goth

Diesem speziellen Typ habe ich die beiden Videos hier auf der Seite gewidmet. Der Neon-Goth hat nicht etwa Neon-farbenes Zeug an. Nein, er tanzt mit diesen Neon-Knicklichtern oder Batterien-betriebenen LED-Leuchen. Gestern hatte sich auch einer eine LED-Stirnlampe auf dem Bruststück seiner Klamotten befestigt. Neon-Goths wollen beim Tanzen gesehen werden. Deshalb tanzen sie völlig Goth-untypisch auch sehr schnell, hektisch und mit ausladenden Bewegungen, damit ihr Neon-Spielzeug gut und weithin sichtbar ist. Siehe die beiden Videos hier auf der Seite.

Der EMO

Der Emo ist eigentlich kein echter Goth mehr, doch den Emos wird nachgesagt, dass sie sch aus der Goth-Szene entwickelt haben. Emos sind lebende Mangas und Animes. Sprich, sie kleiden sich so wie die Figuren der japanischen Kult-Comics. Das ist gerne bunt, schrill mit künstlichen Frisuren. Gerne werden hier Accessoires wie Schweißerbrillen oder Mundschutz und Masken getragen. Manche haben eine Art moderne Samurai-Rüstung an. Oft sind die Gesichter auch bunt und mitunter surreal geschminkt.

Der „Geht-ja-wohl-mal-garnicht“

Der Geht-ja-wohl-mal-garnicht ist kein Goth. Er ist aus Perspektive der Goths „Zivilist“, denn er kommt in normaler Alltagskleidung und damit unschwarz. Gestern meist in Jeans, hellem T-Shirt oder Baumfällerhemd. Eben ganz normalen Klamotten. Er gehört sichbar nicht zur Goth-Szene, mag vielleicht nur die Musik oder hat nirgendwo eine andere „normale“ Party gefunden. Goths sind aber tolerant, auch der Geht-ja-wohl-mal-garnicht darf Spaß haben und mit tanzen.

  1. Das mit dem EMO würd ich so nicht schreiben.
    EMO hat NICHTS, aber auch rein GAR NICHTS mit Manga und Anime zu tun.
    Was du mit Rüstung meinst weiß ich nicht, ich denke aber mal du spekulierst da auf „Cosplay“ hin. Das widerrum findet man im Manga und Anime Bereich wieder.
    Ansonsten würde es noch den Visual Kei geben, der sich ebenfalls an der japanischen Kultur orientiert, speziell an deren J-Rock Bands.

  2. Der „Neon-Goth“ ist erstens kein Neon Goth sondern ein Cyber und hat mit der „Gothic Szene“ rein gar nichts am Hut (außer dass in Locations, in denen viel aus der „Gothicszene“, also der Schwarzen Szene, gespielt wird, neben „echten“ Gothics auch „Cybergothics“, also Cyber rumtreiben.)

    Zweitens solltest du den Abschnitt Emo ganz raus nehmen, dieser ist komplett falsch.

    Emos, Cosplayer, Visual Kei und Gothic sind 4 verschiedene Paar Schuhe (egal ob sie sich auseinander oder voneinander oder sonst wie entwickelt haben oder ähnlich sehen)

    Emos lassen sich grob in 2 Kategorien einteilen: The Scenes, also die Emos mit den bunten Haaren und bunten Klamotten, und die „normalen“ Emos mit den schwarzen Haaren und schwarzen Klamotten.

    Cosplayer kleiden sich wie ihre Manga und Animehelden, und sehen dementsprechend immer relativ unterschiedlich aus.

    Visual Kei bezeichnet die „Szene“ die nicht nur J-Rock und J-Pop hört, sondern sich auch genau so kleidet wie die Bandmitglieder oder sehr ähnlich bzw. eindeutig Visual Kei. (Hierzu gibt es noch den Oshare Kei, das ist dann die bunte Variante)

    So, und Gothic sind dann die Leute aus der Schwarzen Szene.

    Wenn du die Szenen auseinander halten willst, orientiere dich lieber zusätzlich zum Erscheinungsbild auch an der Musik.

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