Hä? Was ist Knigge?

Das wurde ich vor längerem von einem Jugendlichen gefragt, dem ich ob seines besch…eidenen Benehmens sagte, dass ich ihm zum Geburtstag einen Knigge schenken würde. Dieser Kenntnismangel mag eine Ursache für das schlechte Benehmen sein. Erziehung ist vermutlich meist die wesentliche Ursache.

Freiherr von Knigge
Freiherr von Knigge

Aber mittlerweile frage ich mich, ob ich in Sachen Benehmen, Umgang miteinander und Höflichkeit vielleicht altmodische Vorstellungen habe und von meinen Mitmenschen in der heutigen hektischen Ellenbogengesellschaft einfach zu viel erwarte.

Aber wenn ich genauer drüber nachdenke, dann weiß ich, dass dem nicht so ist und ich zum einen von meinen Wertevorstellungen in dieser Hinsicht keinen Deut abweichen werde und mich zum anderen zu Recht ärgere. Ich ärgere mich in letzter Zeit mal wieder vermehrt in dieser Richtung, deshalb hier mal ein paar Beispiele.

Die Sache mit dem Grüßen

Es gibt Zeitgenossen, die scheinen zu glauben, dass ihr Erscheinen und ihre Anwesenheit bereits als Gruß völlig ausreichen. Nein! Reicht nicht! Wenn jemand irgendwo rein oder dazu kommt, kann der- oder diejenige kurz grüßen. Nein es muss nichts Formvollendetes mit bestimmten Pflichtfloskeln sein. Ein einfaches „Hallo“ oder „Hi“ mit einem netten Lächeln genügt mir vollkommen. Und übrigens, der auf diese Weise Grüßende hat auch absolut ein Recht darauf, dass sein Gruß von den Anwesenden erwidert und er oder sie damit in der Runde willkommen geheißen wird. Auch da haperts oft.

Gleiches gilt auch „am anderen Ende“. Wenn man geht, sagt man „Tschüss“, „Bis bald“ oder „Auf widersehen“ und hat auch hier das Recht, aus der Runde beispielsweise ein „Tschüss mach‘s gut“ oder ähnliches mit auf den Weg zu bekommen. Und wenn es tatsächlich etwas förmlicher sein soll, beispielsweise im beruflichen Umfeld, dann darf man sich durchaus auch einmal die Hand geben.

Darf ich vorstellen …

Du gehst mit jemandem, den Du gut kennst durch die Gegend und triffst jemanden, den Du selbst nicht kennst, aber Deine Begleitung. Die beiden sprechen eine Weile miteinander. Du stehst wie der Ochs vorm Berg daneben dumm und stumm herum und starrst in den Himmel oder auf Deine Schuhe. Nach einer Weile trennt man sich und Du gehst mit Deiner Begleitung weiter. Das mag eine grenzwertige Sache sein, aber ich finde es in solchen Situationen gut, wenn man vorgestellt und „bekannt gemacht“ wird.

Aber dass dann jemand sagt „Darf ich vorstellen, das ist ….“, passiert heute auch sehr selten. Ich ergreife bei solchen Situationen dann oft die Initiative und stelle mich einfach selbst vor. Noch schräger finde ich es, wenn später nach der Begegnung die Begleitung plötzlich erläutert: „Das war übrigens ….“.

Dieses kurze Vorstellen macht die Situation für alle entspannter. Du als Begleiter fühlst dich nicht mehr ganz so überflüssig oder als Störfaktor und dem Fremden geht es anders herum garantiert ähnlich. Er fragt sich nicht mehr, wer das ist, den sein Bekannter da im Schlepptau hat.

Wie heißt das magische Wort?

Hände hoch, wer diesen Spruch als Kind oft von seinen Eltern gehört hat?! Ich hab das gehört und von meinen Eltern gelernt, dass man Danke und Bitte sagt. Was ich häufig beobachte ist, dass Kinder mit dieser Übung keine Probleme haben und völlig selbstverständlich Danke und Bitte sagen. Aber ab Jugendlichen wird’s schon eng und viele Erwachsene gehen heutzutage mit schlechtem Beispiel voran. Scheinbar ist es zu viel verlangt, für das Mühen eines anderen mit einer so kleinen Geste Anerkennung und Freude zu zeigen.

Kommunikative Höflichkeit

Auch in der Kommunikation gibt es eine Art unausgesprochene Höflichkeit. Unausgesprochen deshalb, weil es hier weniger um bestimmte Worte als um ein Verhalten geht. Was meine ich? Ich meine, dass ich es beispielsweise ätzend finde, wenn man auf eine gestellte Frage einfach keine Antwort bekommt. Keine ausführliche Antwort, kein Ja, kein Nein, kein Vielleicht, sondern einfach gar keine Reaktion. Gut man könnte ja jetzt die Regel „Keine Antwort ist auch eine Antwort“ bemühen.

Aber ich finde es einfach unhöflich Fragen offen im Raum stehen zu lassen. Ich finde wer eine Frage stellt, darf eine Antwort erwarten. Da fragt man jemanden z.B. auf digitalem Wege „Wie geht es Dir?“ Und es kommt kein „Gut“, „nicht so gut“ oder „Nerv mich nicht“, sondern einfach nix. Find‘ ich doof und unhöflich. Ok, wenn man sich um das Wohlergehen eines anderen sorgt und „Nerv mich nicht“ zu hören bekommt, ist das auch grenzwertig, aber mir ist das immer noch lieber als Schweigen im Walde.

Sozial-inkompatibles Benehmen

Dann möchte ich hier noch einige Beispiel für Unhöflichkeiten im „öffentlichen Benehmen“ nennen, die ich fast täglich beobachte. Beispielsweise wenn Du bei uns im Bürogebäude mit dem Fahrstuhl im Erdgeschoss ankommst. Da gibt es Spezis, die stehen direkt vor der Tür und machen keinen Deut Platz, damit Du ungehindert aussteigen kannst. Und die ganz krassen Typen drängen in den Fahrstuhl hinein, noch während Du versuchst, diesen zu verlassen. Das Leute im Erdgeschoss aussteigen wollen und keine Rundreise im Fahrstuhl gebucht haben, sollte klar sein. Aber das gleiche Szenario geschieht tagein tagaus.

Oder Du gehst über den Bürgersteig und dir kommen mehrere Leute nebeneinander entgegen. Keiner macht mal ein bisschen Platz und Du musst auf die Straße um auszuweichen. Heute ist es außer Mode gekommen aufeinander Rücksicht zu nehmen. Es wird drauf gehalten, umgerannt, sich durchgeboxt. Und vom Autoverkehr will ich in dieser Hinsicht gar nicht erst anfangen.

Manchmal wird Höflichkeit auch missverstanden

Mag ja sein, dass ich jetzt wieder als konservativ abgekanzelt werde, aber ich habe noch gelernt, dass man anderen Menschen und vor allem Damen die Tür aufhält. Auch das ist für mich höflich. Aber manche kriegen Höflichkeit auch in den falschen Hals.
Es mag vielleicht zwei Jahre her sein, da habe ich einer (fremden) Dame, die hinter mir ging, die Tür zu einem Geschäft aufgehalten. Prompt wurde ich recht unwirsch angeranzt: „Ich bin emanzipiert, ich kann mir die Tür selbst aufmachen!“ Bitte, wer nicht will der hat schon, trotzdem halte ich anderen Menschen weiterhin die Tür auf.

Schade …

… das man sich überhaupt über so etwas ärgern muss. Manchmal könnte ich Leuten sozusagen ins Gesäß treten, auch denen, die ich kenne und sehr mag. Das lasse ich dann aber (meistens) weil auch das nicht höflich wäre. Und weil niemand perfekt ist und selbstverständlich auch ich natürlich (nicht nur) in dieser Hinsicht Fehler mache, würde ich mir wünschen, dass das mit dem Gesäß treten auf Gegenseitigkeit beruht. Also im übertragenen Sinne. Menschen, die nicht erfahren, dass sie Fehler machen, können daraus auch nicht lernen.

Aber noch viel mehr würde ich mir wünschen, dass Menschen einfach grundsätzlich netter und höflicher miteinander umgehen. Ein nettes Lächeln und ein paar liebe Worte sind ein so schönes Geschenk, das man jemand anderem täglich machen kann. Wir können uns alle gegenseitig den Tag so verschönern, wenn wir freundlich sind.

Wer Du ein Gesicht machst, als ob Du kotzen könntest, dann siehst Du auch für andere zum Kotzen aus. Das wirkt sich auf den Umgang miteinander aus. Was passiert wohl, wenn Du anderen mit einem Lächeln und strahlenden Augen begegnest und ihnen einen schönen Tag wünschst?! Es gibt Menschen die können das! Die nette hübsche Kassiererin hier in Darmstadt bei T-Online im Kiosk schenkt mir und jedem anderen Kunden morgens ein Lächeln und wünscht einen schönen Tag. Was für ein wunderbarer Start in einen Arbeitstag!

Und wer mich wegen meinem Wunsch nach mehr Höflichkeit und „Nettigkeit“ in der Welt für einen konservativen Spießer hält, dem sage ich „Danke, damit kann ich prima leben. Und Dir noch einen schönen Tag!“

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