22. April 2012

Der ganz normale Bahnsinn!!!! Oder: Scheiße Funkloch!!

Freitag, 20. April 17:59 Uhr. Der IC, der als Ersatzzug für den ICE 70 nach Hamburg eingesetzt ist, rollt im Frankfurter Bahnhof ein. Ich steige ein und damit beginnt eine wbahnsinnige Reise nach Hannover. Ich finde in einem Großraumwagen einen schönen Platz an einem Tisch. Der Tisch war mir eigentlich wichtig, denn Studenten brauchen einen Tisch, wenn sie lesen, schreiben und lernen wollen. Aber dazu kam es nicht. Planmäßige Abfahrt wäre 17:58 Uhr gewesen. Es ist 18:09 Uhr, der Zug rollt an …

Neeeeeiiiiinnnnnnn nicht zurück fahren!!!

Die Fahrkarte für die bahnsinns Fahrt nach Hannover.
Die Fahrkarte für die bahnsinns Fahrt nach Hannover.

… und prompt fängt im Sitz hinter mir ein junges Mädel wie vom wilden Watz gebissen an zu schreien: „Neeeeiiiiiiin, neeeeiiiiin. Ich will nicht zurück fahren. Oh mein Gott nein, ich will nicht zurück fahren!!!! Ich muss nach Göttingen!! Ich muss unbedingt nach Göttingeeeeeeeennnnn!“ Der ortskundige Leser wird es schon erahnen. Frankfurt ist ein Kopfbahnhof – mancher sagt auch „Sack-Bahnhof“ dazu – und deshalb fährt da JEDER Zug genau anders herum aus dem Bahnhof heraus, als er hinein gefahren ist. Doch die junge Dame jammerte in Panik, dies sei ihre erste Zugfahrt und sie müsse nach Göttingen und wolle nicht zurück fahren. Der erste Fahrgast versichert ihr, das der Zug nach Göttingen fährt, aber sie fragt sicherheitshalber den nächsten: „Fährt der Zug echt weiter nach Göttingen?“ Der gefragte Fahrgast: „Ja, ganz sicher, der fährt auch nach Göttingen.“ Doch sie fragt einen weiteren Fahrgast, der ihr auch bestätigt: „Ja, der fährt bestimmt nach Göttingen, ich muss da auch hin.“ Sie beruhigt sich langsam und setzt sich.

Du kannst mir echt noch ein letztes mal helfen

Doch hat der Wahnsinn damit ein Ende? NEIN. Es geht erst richtig los! Das Mädel, blutjung, lange schwarze Haare, ein hübsches Gesicht, belegt durch ihr weiteres Verhalten, dass sie dumm wie drei Meter Feldweg ist. Sie greift zum Handy und ruft jemanden an. Sie telefoniert so laut, das der gesamte Großrasumwagen mithören kann, mithören muss.

Es geht wohl darum, dass die angerufene Person – wir Fahrgäste haben später vermutet, dass es die Mutter war – quasi als Kolaborateur dem Vater sagen sollte, dass sie nicht „bei Ramada sondern bei Lisa“ ist. In einem fast einstündigen Gespräch – das wir wie gesagt alle mithören und mit ertragen mussten – versuchte sie von Frankfurt bis weit hinter Fulda, die angerufene Person zu Kolaboraiton zu bewegen. Wir mussten das gesamte emotionale Repertoir über uns ergehen lassen, das besagte junge Dame wie ein rhetorisches Feuerwerk abfackelte. Hier nur einige wenige Ausschnitte aus dem Gespräch:

Fordernd: „Hör mir zu! Hör mir zuu! Hör mir zuuuhuuuu! Scheiße Funkloch. Du sollt mir zuhören. Hööööööörrrrr miiiiirrrrr zuuuuuuu! Scheiße ich bin in einem Funkloch! Hörst Du mich? Jetzt hör mir zuuuhuuuu!“

Drängend: „Du musst mir helfen. Doch. Du musst mir helfen. Hör mir zu. Scheiße ich bin in einem Funkloch, hör mir doch mal zu. Duu muuhuuust mir helfen!!! Scheiße Funkloch.“

Bettelnd: „Du musst mir ein letztes mal helfen. Ja ich weiß, das ich viel Scheiße gebaut habe. Aber Du mußt mir … Scheiße Funkloch …. Du mußt mir unbedingt ein letztes mal helfen. Doooohooooch biiiiihiiiitäääääääää!!! Du kannst mir doch noch eeeeeiiiiiiinmaaaalll helfen.“

Psychologisch möchtergern-trickreich: „Gut! Ok, Dann hilfe mir nicht! Hätte ich nicht gedacht, das Du mich so in der Scheiße sitzen läßt. Scheiße wieder Funkloch. Ne, is ok., lass mich, hängen, hilf mir eben nicht. Scheiße Funkloch. Was? Ich bin in einem Fuuuuuhuuuunkloooooooch!“

Rotz und Wasser heulend – ganz großes Drama: „Iiiihiiihiiiichhhh haahaaaabbb dir vertrauuuhuuuuuttttt.“

Rechts ist die Funkloch-Göre.
Rechts ist die Funkloch-Göre.

Die beiden Herren am Tisch neben dran diksutieren mittlerweile offen, ob es genügt, das Handy aus dem Zug zu werfen, oder ob es sinnvoller wäre, die ernevrierende Funkloch-Göre direkt mit hinaus zu befördern. Aber die Erlösung nahte! Der Handy-Akku des Mädels ist alle. Zu früh gefreut. Sie steht auf, kommt zu mir und fragt mich, ob sie sich auf den freien Platz mir gegenüber hocken könne, um ihr Handy zu laden – dort in der Wand war eine Steckdose. Noch ehe ich etwas sagen kann, sitzt sie, lädt und wählt.

Einer der beiden Herren am Nebentisch erklärt ihr freundlich, wie ruhig und entspannt man reisen könne, wenn man das Handy doch einfach mal aus läßt. Sie antwortet, dass sie erst Dreizehn sei und dringend telefonieren müsse, weil sie noch so jung sei. Aber diesmal ist uns das Glück hold, denn irgendwie klärt sie ihr Problem aus für uns nicht schlüssigen Gründen plötzlich deutlich leiser und binnen fünf Minuten.

Der Depp mit der Tür

Doch dieser junge hübsche Albtraum einer Mitreisenden war an diesem Tag nicht der einzige verhaltensauffällige Mensch im Zug. Von meinem Platz aus konnte ich den „Depp mit der Tür“ sehen. Zwischen den Wagons eines IC-Zuges ist eine doppelflügelige Schiebetür. Diese geht per Pressluft auf und zu. Zum Öffnen drückst Du einen Türgiff-artigen Schalter nach Links oder Rechts. Dann geht die Tür auf. Zu geht sie von alleine.

MERKE: Egal in welche Richtung Du diesen Türgriffschalter drückst, Du ÖFFNEST damit die Tür!!!

Immer wenn ein andere Fahrgast durch die Tür ging – diese also öffnete – versuchte der Typ diese Tür wieder zu schließen. Manuell! Der Kerl – geschätzt um die 50, dick, wenig Haare mit Tendenz zur Glatze, gekleidet in einen ganz schrecklich gestreiften Pullover und eine Schlamm-farbene Jacke und eine ebenso Schlamm-farbene Hose – ergriff also diesen Türgriff und zerrte mit Leibesnkräften an der Tür. Er zerrte daran, um diese Tür – wie gesagt, die geht automatisch zu – von Hand zu schließen. Es gelang ihm auch oft, die Tür gegen den Widerstand der Pressluft zu zu zerren. Aber weil er dazu ja an dem Türgriffschalter gezerrt hatte, hat er damit sofort die Funktion ausgelöst, mit der die Tür wieder auf ging. Und so wiederholte sich dieses Spiel viele Dutzend male. Wenn die Tür durch Zufall mal von alleine zuging, dauerte es nicht lange, bis der nächste Fahgast kam, die Tür öffnete und der Kampf Deppen-David gegen Türen-Goliath von neuem entbrannte. Nur das David eben nie gewann. Da ich mir das Lachen nicht lange verkneifen konnte, begannen andere Fahrgäste in die gleiche Richtung zu blicken und lachten kurze Zeit später ebenfalls.

Zugbegleiters Albtraum und die geniale Lösung

Als dann die Schaffnerin – ok heute sagt man ja Zugbegleiterin – kam und nach den Fahrscheinen verlangte, zückte unsere telfonsüchtige junge Mitreisende doch tatsächlich eine Regionalverkehrsschülermontaskarfte und entfachte den nächste wbahnsinnigen Redeschwall!

Die Göre: „JaichhabedasschonmitihremKollegenbesprochendermirauchgesagthatdasichmitderKartenichtZugfahrendarfaberichbinerstdreizehnundnochsojungunddasistmeineersteZugfahrtundichmussnachGöttingenzumeinerTante!“

 Die Zugbegleiterin: „Aber für einen Fernzug brauchen Sie eine Bahnfahrkarte, der Verlehrsverbundausweis gilt hier nicht!“

 Die Göre: „JadastutmirauchvolleidundihrKollegehatmirdasauchgesagtundgemeinteswäredieseinemalinOrdnungundfürdieRückfahrtsollichmirneFahrkartekaufenMeineTanteholtmichauchamBahnhofabundestutmirechtleid.“

Die Zugbegleiterin raffte langsam, dass sie einen ruhigeren und unkomplizierteren Tag haben würde, wenn sie einfach sagt: „Ok, Sie dürfen bis Göttingen im Zug bleiben, aber für die Rückfahrt kaufen Sie sich eine reguläreFernverkehrsfahrkarte!“

Genial gelöst und wir hatten alle wieder unsere Ruhe, denn die Göre blieb bis Göttingen brav und still sitzen.

Die Rückfahrt am Samstag war – abgesehen von einer 45 Minütigen Verspätung durch „Personen im Gleis“ – sehr angenehm, ruhig und verlief in netter, weil bekannter Begleitung. Man trifft im Zug ab Hannover eben oft Leute, die wie ich selbst auf dem Rückweg von der DLRG Bundeszentrale in Bad-Nenndorf (bei Hannover sind). Die Stimmung der Rückgfahrt habe ich hier mal mit meinem iPhone dokumentiert:

Kommentar verfassen

Pin It on Pinterest

Share This