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Beschleunigte Entschleunigung oder: Der 25-Stundenlauf in Wiesbaden

Zieleinlauf nach knapp 25 Stunden.
Zieleinlauf nach knapp 25 Stunden.

Laufen ist ja an und für sich eine doch recht beschleunigte Art der Fortbewegung. Vor allem wenn jemand wie ich, der mit der Grazie einer Gazelle einerseits aber dem Tempo eines Elefanten andererseits läuft, es schafft, seine Rundenzeit auf einen Kilometer auf einen Durchschnitt von 5:42 Minuten zu senken. So geschehen beim 25-Stundenlauf der Wiesbadener Sportförderung. Dort bin ich knapp 20 Kilometer gelaufen, aber eben nicht am Stück, sondern in Runden im Team mit Abklatschen. Dadurch kannst Du dann auf einer solchen Einzelrunde schneller laufen, also sonst auf der Langstrecke am Stück.

Bei dieser Laufveranstaltung am 11. und 12. September durfte ich im Team der „Zeitungsenten“ des Wiesbadener Kuriers mitlaufen. Und das hat unglaublich viel Spaß gemacht. Vor allem weil ich mit dem Team der Zeitungsenten ein gutes Dutzend sehr netter und wundervoller Menschen kennen lernen konnte. Ok zwei dieser laufverrückten Zeitungsenten kannte ich schon länger und eine von diesen Zweien kenne ich schon ewig. Den einen oder die andere hab ich schon mal in Facebook gesehen, was das Treffen im echten Leben umso spannender macht. Schon alleine dieses tolle Team machte das Laufen an diesem Wochenende zum absoluten Vergnügen.

Dann war die ganze Atmosphäre im Wiesbadener Kurpark einfach super klasse. Insgesamt 65 Mannschaften von Laufverrückten, die sich für eine gute Sache den längsten Tag und die längste Nacht des Jahres um die Ohren schlugen, oder besser liefen. Auch der Park und die 950 Meter lange Runde waren sehr schön, das Ambiente am Kurhaus ist für so was echt klasse. Dazu kam absolutes Prachtwetter! Da nimmt man als Rheinland-Pfälzer und Rheinhesse auch in Kauf, in „Feindesland“ zu laufen. Scherz beiseite, Wiesbaden ist ne tolle Stadt, ich bin dort zur Schule gegangen.

Ok wertgeschätzt Leser, ich will Euch mit der Frage, was „Beschleunigte Entschleunigung“ bedeutet, nicht mehr länger im Unklaren lassen. Wie eingangs schon erwähnt, ist Laufen eine deutlich beschleunigte Art der Fortbewegung. Und trotzdem hilft mir genau dass beim Entschleunigen. Das gilt schon, wenn ich daheim trainiere und meine Runden durch das Oppenheimer Wäldchen drehe. Aber dort in Wiesbaden galt das mit dem Entschleunigen ganz besonders!

Laufe ich daheim, bin ich nach spätestens zwei Stunden fertig, wieder daheim und stehe unter der Dusche – fertig. Hier aber waren wir, Auf – und Abbau eingerechnet – über 30 Stunden an einem einzigen Ort. Wann seid ihr schon mal so lange an ein und der selben „Location“. Heutzutage doch kaum vorstellbar, oder? Schon alleine das sorgt für eine Art „lokalisiertes Innehalten“.

Alles schläft, einsam wacht ... Nachtwache mit Kruschel.
Alles schläft, einsam wacht ... Nachtwache mit Kruschel.

Dann aber kam das Laufevent selbst dazu. Wenn ich so eine Runde gelaufen bin, tat ich das, was ich daheim beim Laufen auch tue. Mich meinen Gedanken, Wünschen und Träumen hingeben, die mir bei so was immer durch den Kopf gehen. Und wenn ich nicht akut gelaufen bin, habe ich entweder in den Laufschichten von Gruppe drei unseres Teams (der besten Gruppe ; – ) ) in der Wechselzone aufs Abklatschen gewartet und mich mit den andere unterhalten. Oder in den Pausen – also wenn unsere Gruppe nicht dran war – saß ich mit anderen oder spät nachts auch mal alleine nur mit Kruschel vor unserem Teamzelt. Da wird sich unterhalten, etwas gelesen oder einfach nur nichts getan und den anderen beim Laufen zugeschaut. Du hast nicht spezielles vor, musst nirgendwo dringend hin – außer mal aufs Klo – und hast einfach Ruhe.

Mit anderen Worten die ganze Alltagshektik, der Stress, die Hetze, die ganzen ewig eiligen und ach so wichtigen Zeitgenossen, die sonst um dich herum toben, die war draußen vor den Mauern des Kurparks ausgesperrt und Du hast eigentlich gar nichts anderes gemacht, als … ja eben fast nichts. Und das war wirklich unglaublich entschleunigend. Zwei Tage „mentale Langsamkeit“ bei körperlicher Beschleunigung. Mag der Körper danach auch halbwegs fertig und müde sein, der Kopf ist befreit, leer und frisch. Zumindest meiner. Und das tat diesem Unruhestifter unter meiner Schädeldecke auch mal richtig gut.

Der GPS-Track des 25-Stundenlaufs.
Der GPS-Track des 25-Stundenlaufs.

Postkarten sind so wunderschön analog!

Ich bin ja eigentlich schon ein weitgehend digitaler Mensch. Ok, ok, für die ganz peniblen unter Euch, ich als Mensch funktioniere natürlich biologisch-analog. Aber wie ich so lebe und was ich so tue, das ist schon ziemlich digital. Als Online-Redakteur arbeite ich für digitale Medien. Ich habe ein iPhone und ein iPad und schäme mich nicht nur nicht dafür, sondern finde diese digitalen Helferlein richtig geil.  Ich könnte die Beispiele mit DVD gucken und Ähnlichem fortsetzen, aber Ihr wisst sicher, was ich meine.

Postkarten - so richtig old fashioned ...
Postkarten - so richtig old fashioned ...

Aber ich bin kein Web-Junkie oder Internet-süchtig. Im Urlaub in Schottland war ich, von drei Stunden Gratis-WLAN in einem Hotel und der theoretischen Erreichbarkeit via Handy mal abgesehen, zwölf wunderschöne Tage offline. Das tat gut und vermisst habe ich nichts. Mal zwölf Tage ohne Facebook & Co, ich weiß nicht, wie Ihr es ohne mich ausgehalten habt, aber mir ging es prima. Und ich Schottland habe ich etwas wieder entdeckt, was quasi als Sinnbild der guten alten analogen Zeit gelten könnte: Die Postkarte.

... und wirklich absolut analog!
... und wirklich absolut analog!

Gibt es etwas analogeres als eine Postkarte? Jetzt kommt mir bitte nicht mit dem Argument, auch Postkarten würden heute im Digitaldruck hergestellt. Nochmal: Gibt es etwas analogeres als eine Postkarte? Man nimmt einen Kugelschreiber und beschreibt die Postkarte liebevoll mit der eigenen Sauklaue. Was heißt hier lesen? Der gute Wille und die Tatsache, das man an jemanden gedacht hat, das ist es, was zählt. Dann klebt man eine Briefmarke drauf und wirft die Karte in einen Briefkasten. Und dann macht sich das Stückchen Fotokarton auf die lange Reise zum Ziel und nicht selten bist Du als Urlauber schon wieder zu Hause, bevor die Postkarte den Empfänger erreicht.

Ich finde das klasse und entschleunigend, wie der Urlaub selbst es auch sein sollte. E-Mails sind binnen Sekunden um den Globus geflitzt. Die Postkarte tut genau das, was wir selbst heutzutage viel zu selten tun! Sie lässt sich Zeit, reist langsam. Wie ich in Schottland. Sieht man von den schottischen Autofahrern einmal ab, dann ist in Schottland alles etwas langsamer, ruhiger und gemütlicher als hier bei uns. Und das tat sehr gut!

Ich werde ab jetzt wieder Postkarten schicken! Aus jedem Urlaub, vom Kurztrip oder vielleicht einfach von zu Hause. Also nicht wundern, wenn jemand von Euch demnächst mal eine Postkarte von mir bekommt. Macht damit das, was ich mit den Postkarten mache, mit denen mir jemand eine Freude bereitet. Lest sie langsam, genüsslich und analog, so wie sie auch geschrieben werden. Und dann packt sie an eine Pinnwand. Ihr werden sehen, bald habt ihr die halbe Welt auf der Pinnwand beisammen, denn wer Postkarten schreibt, bekommt auch welche.