Ich schmeiss die Schrott-Mailer alle raus! (Bild stock.xchng)
Derzeit mache ich etwas, das ich eigentlich sonst nicht mache. Ich beantworte jede Mail mit Pressemeldungen drin. Einige habe ich einst abonniert, andere kommen einfach so. Und auf all diese Mails antworte ich derzeit “Bitte löschen Sie mich aus sämtlichen Presseverteilern.” Und die Pressemailings, die einen Link zum Austragen haben, bestelle ich so ab. Ziel der Aktion: Keine Pressemeldungen mehr per E-Mail! Warum? Es kommt viel zu viel Schrott! All die ganzen Agenturen schicken jeden noch so irrelevanten Bockmist durch die Gegend. Diese Mailflut ist einfach 1. zuviel und 2. zu unnütz. Ein Beispiel: Eine Pressemail ist überschrieben mit “Über 90% der Nutzer würden das Produkt XYZ anderen weiter empfehlen”. Was bitte soll ich damit anfangen??!! Besonders lieb sind mir auch die “Versionshüpferchen“, im Stile von “Sehr geehrter Herr Lerg, wir freuen und ihnen mitteilen zu können, dass von unserer Software BLABLA 3.0.1 jetzt Version 3.0.2 erschienen ist.” Laaaangweilig! (weiterlesen…)
Eine Presseinformation dient dazu, die Presse über etwas zu informieren. Wozu das Synonym Pressemitteilung dient, dass dürft Ihr Euch gern selbst zusammen reimen. Sinn und Zweck ist es eigentlich, den Medien Informationen an die Hand zu geben, damit diese daraus eine Berichterstattung machen. Als ich in der PR Agentur Hiller, Wüst & Partner als Trainee arbeitete, haben ich und meine Kollegen viele Pressemeldungen geschrieben.
Wir haben diese immer so journalistisch wie möglich geschrieben – oder zumindest so journalistisch, wie es „Produktmanager“ beim Kunden zuließen, auf deren BWL-Diplomurkunde die Tinte noch nicht trocken war. Ziel der Übung war es, dass die Pressemeldung wortwörtlich übernommen wird. Gelang das, dann hattest Du einen Volltreffer gelandet.
Heute aber scheint dieses damals eher seltene Erfolgserlebnis zur Serie zu werden. Wie Stefan Niggemeier in seinem Blog an einem sehr schönen Beispiel fest macht, werden Pressemeldungen heute sehr oft durchkopiert. Manchmal auch mit allen Fehlern oder Miss-Informationen. Niggemeier zeigt an Hand des Beispiels eine Pressemitteilung über die Rügen des Presserates auf, welche Pannen und handwerklichen Fehler in der heutigen Zeit zum scheinbar Alltag gehören.
War die Zeit in Redaktionen schon immer ein knappes Gut, so scheint deren Mangel heute in der beschriebenen Art und Weise auszuarten. Aber nicht nur das! Oft genug sind Redaktionen und Journalisten unkritisch, schieben externe Inhalte durch und kümmern sich nur um deren Darstellung, nicht aber um deren Bewertung und inhaltliche Aufbereitung.
Beschreibt die Pressemitteilung einfach nur die Einführung eines Produktes, dann ist das Ganze weniger dramatisch. Ab und zu nutze auch ich im MACazin diese Produkt-Pressemitteilungen, doch immer mit PRESSEMITTEILUNG als Kennzeichnung zu Beginn der ersten Zeile. Aber eben nur wenn der wesentliche Inhalt ist: Firma X führt Produkt Y zum Preis X ein.
Aber das Beispiel von Niggemeier zeigt, welche Folgen die unkritische Übernahme von Pressemeldungen haben kann, in denen es um Menschen und Menschliches geht. Meldungen, in denen es wie hier um die Rügen des Presserates geht, also die öffentlich geäußerte Kritik an Fehlverhalten einzelner Medien oder Medienschaffender.
Es gibt viele vergleichbare Beispiele. Nehmen wir Wikipedia, wo immer wieder falsche Todesmeldungen von Promis auftauchen, die nicht selten ebenfalls unrecherchiert in manchen Medien publiziert wurden. Aber auch auf Twitter tauchen regelmäßig mutwillig platzierte Falschmeldungen über das Ableben von Promis auf. Britney Spears wurde dort gleich mehrfach umgebracht.
Eine weitere Fehlerquelle sind schlechte Übersetzungen von Zitaten einer anderen Sprache. Auch dafür hat Niggemeier mit „Chronologie einer Falschmeldung“ ein sehr gutes Beispiel.
Alle Beispielen haben eines gemeinsam: Wird der Inhalt ohne kritische Prüfung, Gegenkontrolle und Recherche übernommen, dann werden auch die Fehler und deren Folgen übernommen. Ursache ist, wenn, aus Zeitmangel oder welchen Gründen auch immer, der Journalist nicht mehr die Inhalte erschafft, sondern nur noch darauf reduziert wird, vorhandene Inhalte auf der Medienplattform darzustellen. Journalismus ist – trotz manchem elitärem Kulturdünkel – vor allem auch ein Handwerk. Handwerkliche Fehler kann man vermeiden, indem man seine Arbeit gewissenhaft und manchmal eben auch “nach alter Schule” macht.
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