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WM 2010: Holland siegt haushoch – Spanien ohne jede Chance

Ein unglaublich spannendes Spiel gestern, oder?! Holland hat die Partie haushoch gewonnen, Spanien war ohne jede Chance. Schon in der 16 Minute konnte Croupier Howard Webb eine erste gelbe Karte an die Holländer geben, die Grundlage für ein großes Blatt, das die Holländer über das ganze Spiel halten konnten. Bereits nach der ersten halben Stunde hatten die Holländer ein viel stärkeres Blatt auf der Hand, dass sie sich eher durch harten Körpereinsatz, als durch Pokerface und Spielwitz erkämpft hatten. Im Verlauf der Partie konnten die Spanier zwar den Holländern näher kommen und den einen oder anderen Stich landen. Dennoch dominierte das Oranje-Team mit sieben Karten einer Farbe das Spiel eindeutig, konnten die Spanier doch nur fünf Karten der gleichen Farbe aufweisen.

Holland besiegt Spanien in Sachen unfairem Spiel
Holland besiegt Spanien in Sachen unfairem Spiel

In der Verlängerung konnte John Heitinga für sein Team dann sogar noch einen gelb-roten Trumpf ausspielen und die Partie damit endgültig für die holländische Mannschaft entscheiden. Mit diesen Karten auf der Hand waren die Holländer unschlagbar. Im Wettkampf um die härteste und brutalste Spielweise ist Spanien damit von Holland eindeutig besiegt worden.  Damit geht das Finalspiel der Fußballweltmeisterschafts 2010 als das Spiel mit den meisten gelben und roten Karten in die Geschichte ein. Zwölf Gelbe und eine Gelbrote Karte, das gab es bisher noch nie. Eine tolle Leistung des Teams von Trainer Bert van Marwijk. Wird „Voetbal brutal“ jetzt Spielkultur?

Goodbye Günther und geh mal zum Frisör!

Achso, eh dass ich es vergesse! Nach 13 Jahren geht ein Dreamteam vom Platz: Delling und Netzer haben bei der WM 2010 ihr letztes Doppel gespielt. Es war immer wieder gaaaaanz spannend und uuuuuunnglaublich unterhaltsam, diese beiden Götter der Spielanalyse Kurzweil verbreiten zu sehen. Günther „The Frisur“ Netzer macht aber jetzt endgültig Schluss. Gut so. Sicher er hat vermutlich den besten und umfassendsten Fußballsachverstand unter seiner zeitlosen Haarpracht, aber die staubtrockene und phlegmatische Art, diese Analysen zu präsentieren, konnten selbst dem dynamischsten Spiel jeden Schwung rauben.

Das Über-Mega-Hyper-Ultra-Deutschland-WM2010-Fan-Auto und andere Farbenspiele

Gestern war es soweit. Als ich joggen war, hab ich es gesehen! Das Über-Mega-Hyper-Ultra-Deutschland-WM2010-Fan-Auto! Da ich wie gesagt joggen war, hatte leider ich nichts zum fotografieren mit und habe mir daher eine Art Symbolbild von Max Duckwitz geliehen. Aber das Auto, dass ich gestern sah, muss ich halt beschreiben. Es handelte sich um einen nicht mehr ganz jungen Audi Kombi in Jadegrün. Die Motorhaube war vollständig mit aufgeklebter Lackfolie in eine riesige Deutschlandfahne verwandelt worden. An den Fenstern der Türen jeder Seite waren jeweils vier dieser Fenster-Deutschlandfahnen angebracht. Eine fünfte Fahne steckte auf der Stabantenne auf dem Dach. Auch auf jeder Tür war jeweils auch mit Lackfolie oder vielleicht auch Magnetfolie eine weitere Deutschlandfahne aufgebracht. Und innen im Heckfenster war die Nationalfahne als Stofffahne aufgehängt. Selbstverständlich waren auch diese „Deutschland-Kondome“ über die Außenspiegel gestülpt. Also ein durch und durch total verdeutschtes Auto. Das ein Fan bereitwillig die Mehrkosten in Kauf nimmt, die die neun externen Fahnen durch den höheren Spritverbrauch verursachen. Und in den Straßengräben siegt man schon wieder diese Fahne im Dreck liegen, wenn der Fahrwind seine Opfergabe eingefordert hat und das entsprechende Auto nur noch mit einem leeren weißen Stab am Fenster weiter fährt.

Autos mit deutschen Fahnen und nationalem Schmuck zu überfrachten ist während der WM 2010 der neue Trend (Bild: Max Duckwitz)
Autos mit deutschen Fahnen und nationalem Schmuck zu überfrachten ist während der WM 2010 der neue Trend (Bild: Max Duckwitz)

Aber damit nicht genug. Komm ich doch heute ins Büro – heute spielt Deutschland gegen Serbien während der Arbeitszeit – sitzen zwei Kollegen im deutschen Fußballtrikot da. Auf einem der Aktenschränke ein Fanschal. Ein andere Kollege kommt rein und meint „Na, habt ihr den Altar schon aufgebaut!“ Und dann monieren die Kollegen, dass ich keinerlei Deutschtümelei am Leibe trage, sondern nur mit Jeans und schwarzem T-Shirt bekleidet bin. Wenigstens mein neues Spielzeug habe ich dann mal ein wenig in adäquate Farben getaucht, quasi als Friedensangebot. Sagt der Kollege „Na das ist ja mal ein Anfang“.

Wenigstens mein neues Spielzeug trägt heute die richtigen Farben
Wenigstens mein neues Spielzeug trägt heute die richtigen Farben

Dieses extrovertiere Fan-Sein ist halt mal nicht so mein Ding, zumal mir Fußball sonst eigentlich auch sowas von dermaßen am A…lso ihr wisst schon vorbei geht. Ok, sollten Jogis Jungs in Südafrika tatsächlich ins Finale kommen, dann verspreche ich, dass ich als voll ausgestatteter Fan beim Public Viewing auftauche. Trikot-Shirt, Fahne, Vuvuzela (hab ich schon) und was man da noch so braucht. Dann zieh ich mir meinet wegen auch Schwarz Rot Goldene Unterwäsche an. Bis dahin hoffe ich mal, dass unsere Mannschaft heute gegen Serbien gewinnt.

Public Viewing fast wie im Altersheim und die Deppen mit dem Möööööööp

Während der WM 2006 habe ich mich einem Phänomen noch entzogen, welches ich gestern dann aber doch erstmals genossen habe: Public Viewing. Auch wenn darunter in den USA tatsächlich die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen verstanden wird, so ist unter diesem Begriff in Deutschland das zu verstehen, was man auch als „Rudelgucken“ bezeichnen könnte. Es rottet sich eine größere Menge Menschen zusammen, um gemeinsam die TV-Übertragung eines wichtigen Ereignisses als gruppendynamisches Erlebnis zu genießen. Ich war gestern also erstmals beim Public Viewing und habe das Spiel Deutschland gegen Australien geschaut, äh pardon public geviewet.

Rudelgucken während der Fußball WM 2010
Rudelgucken während der Fußball WM 2010

Als absoluter Fußball-Nixwisser will ich auf das Spiel nur sehr kurz eingehen. Wir haben 4:0 gegen Australien gewonnen. Wie titelten die Medien doch, nachdem Boateng unseren Michael Ballack aus der WM-Aufstellung getreten hatte? Da hieß es, das ohne unseren El Capitano alles aus und vorbei und die WM quasi schon verloren wäre. Na dann war das gestern doch wohl mal eine ganz klare Ansage, oder? Im Radio sagte ein Fußballexperte heute Morgen: „Wir haben eine überraschend starke deutsche Mannschaft gegen einen überraschend schwachen Gegner gesehen.“ Damit will ich es mit meinen Kommentaren zum Spiel bewenden lassen, denn wie schon erwähnt, ich habe keine Ahnung von Fußball. Kommen wir zurück zu meinem eigentlichen Thema, dem Public Viewing.

Public Viewing ist, betrachtet man die Berichterstattung darüber in Fernsehen, eine Ansammlung zigtausender fanatischer Fans, die schreien, jubeln, lärmen. Zu tausenden stehen sie engst gedrängt auf Plätzen zusammen, um auf gigantischen Leinwänden dem Spiel zu folgen und sich Leib an Leib gegenseitig im Schweiß der Umstehenden zu suhlen. Hitze, Schwitzen, Leiber reiben aneinander. Fällt ein Tor, folgt minutenlanger ohrenbetäubender Jubel, synchrones Hüpfen und Winken. Anders als synchron geht es dank der drangvollen Enge sowieso nicht. Wildfremde Menschen umarmen sich im Freudentaumel. Eine nicht enden wollende orgiastische Fußballparty.

Nicht ganz so in Oppenheim in der Emondshalle. Die Halle war mit Stühlen in „Kino-Bestuhlung“ ausgestattet und alle saßen schön brav auf ihren Hintern. Alle? Nein, Denn @seeber76, @wasserulla, @mduckwitz und @stockibaby (meine Wenigkeit), blieben mit kaum einer Handvoll anderen Standhaften standhaft am Stehtisch stehen, während die restlichen 99 Prozent der Besucher schön brav auf ihren Gesäßen saßen. Ab und an stand mal einer auf, um Getränke zu holen, die es zu erfreulich vernünftigen Preisen gab. So stelle ich mir Public Viewing im Altersheim von Opa Abe Simpson aus der gleichnamigen Comic-TV-Serie vor.

So würde Opa Simpson Public Viewing machen.
So würde Opa Simpson Public Viewing machen.

Singen ist etwas wunderbares, spaßiges und freudvolles, wie @wasserulla es hier in ihrer Kolumne bei der AZ nicht besser und treffender hätte beschreiben können. Ich weiß wovon Sie redet, denn ich singe auch nicht nur gerne, sondern „organisiert“ im Chor. Aber gestern, beim Public Viewing kam in dem Moment, in dem die Nationalhymne abgesungen wurde wieder ein Wunsch in mir auf: Warum können Leute, die absolut nicht singen können, es nicht auch einfach bleiben lassen. So wie es Nichtschwimmer gibt (Leute die nicht schwimmen können) sollte man auch Nichtsänger sagen dürfen. Aber genau diese Nichtsänger brüllen und blöken erst recht und am lautesten drauflos. Es ist erstaunlich zu welch unglaublichen Disharmonien mancher dieser Zeitgenossen – ob Alcalde oder Ciudadanos vulgares – fähig sind. Da lag mancher dieser „Sänger“ tonal nicht etwas, sondern meilenweit daneben. Ok, auch dieses Gegröle gehört wohl zum Public Viewing.

Apropos Lärm, kommen wir zum Thema Vuvuzelas. In der Emondshalle gestern waren doch tatsächlich nur magere vier dieser plastilienen Klangkörper im Einsatz! Das waren meine, die von @seeber76, @mduckwitz und dann hatte noch einer von Sitzguckern vorne in der ersten Reihe ein solches Blasrohr. Aber die krassen Mega-Deppen in der Hinsicht standen zwei Stehtische weiter rechts von uns. Zwei junge Typen hatten kein entsprechendes Instrument dabei. Doch das hielt sie nicht davon ab, alle paar Minuten erst „Vuvuzelaaaaaaa“ zu brüllen, sich dann die hohle Faust vor den Mund zu halten und ein verzweifeltes „Möööööööööööööööööööööööööööööööööööööööööp“ durch selbige zu rufen. Das Demenz in so jungen Jahren einsetzen kann, ist erschreckend.

Ich hatte ja schon angedeutet, dass mich das gestrige Rudelgucken an „Public Viewing fast wie im Altersheim“ erinnert. Aber warum? Das mit dem Sitzgucken habe ich ja schon ausreichend dargestellt. Ich hätte mir das ganze deutlich emotionaler, lauter und infernalischer vorgestellt. Die ersten echten Emotionen brandeten auf, als sich am Eingang jemand ärschlings an den Lichtschalter lehnte und die Neonlampen im Saal aufflammten. „Äääääääiiiiiihhhhh Lischd auuuuuussssss!“

Bei jedem Tor sprangen alle auf. Es wurde laut gejubelt und gejohlt. Es wurde „Doitschlaaaaaaand Doitschlaaaaaaaaaaaaaaand“ nein nicht gesungen, sondern natürlich gebrüllt. Und dann? Nach relativ kurzer Zeit saß der ganze Saal dann auch wieder brav auf’m Hintern. Heee Leute, was ist mit ausuferndem Enthusiasmus, frenetischem Freudentaumel. Auch nach dem dritten Tor das gleiche Spiel, ganz fix war wieder Ruhe im Saal und nur @seeber76, @wasserulla, @mduckwitz und @stockibaby sowie die zwei Oral-Vuvuzela-Deppen zwei Stehtische weiter rechts mühten sich hüpfend und johlend um Stimmung.

Wir – also unsere Mannschaft – haben Australien 4 zu 0 aber so was von vom Platz geputzt. Ein richtig fetter Auftakt für die WM, den sogar die britschen Medien wie The Guardian wohlwollend anerkennen. Aber was passierte nach dem Schlusspfiff in der Emondshalle? Nein keine ausgelassenes „Public partying“! Statt dessen „Public Homegoning“! Nach kaum 30 Minuten war der Saal nicht nur komplett leer sondern dunkel und abgesperrt.

Hier und da noch ein kleiner Autocorso...
Hier und da noch ein kleiner Autokorso...

Haaaaaalllllloooooo? Wir haben gewonnen und die Sitzgucker stehen auf und gehen einfach heim? Ich musste heute auch um 6:00 Uhr aufstehen, aber trotzdem muss man so einen Sieg doch wenigstens mal ein Stündchen feiern! Hier und da noch der eine oder andere Autokorso aber @seeber76, @mduckwitz und @stockibaby hocken nach kürzester Zeit schließlich allein zu dritt vor der Halle und mühen sich verzweifelt, noch irgendjemanden wenigstens ein bisschen mit ihren Vuvuzelas zu nerven. Vergeblich! Liebe Oppenheimer Mitbürger, dass muss besser werden! Mit so wenig Enthusiasmus werden wir Jogis Jungs nicht bis ins Finale und dort zum Sieg brüllen können! Aber so wie sich unsere Nationalmannschaft noch steigern muss, so müssen wir das eben auch…