SchlagwortWiesbaden

Typisch Läufer und typische Läufer

Und wieder einmal aktuelle Erkenntnisse aus einer teilnehmenden Beobachtung. Ich laufe ja. Also nicht nur zu Fortbewegung, sondern so sportlich. Und das auch mit anderen. Weil das ist gesund. Und Spaß macht es auch. Das vor allem wegen den anderen, mit denen ich laufe. Und mit den anderen bin ich neulich gelaufen und zwar 25 Stunden lang. Also nicht am Stück sondern in Gruppen und Etappen. So geschehen beim 25-Stundenlauf der Sportförderung in Wiesbaden. Wie schon im letzten Jahr ein super Sportwochenende bei absolutem Prachtwetter. Und weil sich bei diesem Event 64 Teams und damit mehrere hundert Menschen der beschleunigten bipedalen Fortbewegung widmeten, konnte ich da mal wieder wunderbar Leute gucken. Hier das Ergebnis:

Der High-Tech-Läufer

Dieser Läufer ist der Nerd unter den Freizeitsportlern. Er ist bestens technisch ausgestattet, denn er hat nicht einfach nur eine Pulsuhr. Nein er hat eine Pulsuhr mit GPS-Funktion. Seine Läufe und andere Fortbewegungssportarten „trackt“ er mit dem iPhone und postet sie auf Facebook. Natürlich hört er beim Laufen Musik – und manchmal weiß ein solcher Technoläufer nicht, wo er das iPhone beim Laufen hinstecken soll …. aber das ist eine andere Geschichte. Selbstverständlich trägt der High-Tech-Läufer auch Funktionskleidung wie Klimafaser-Laufshirts, Runningtights und Laufsocken mit Kompressionswirkung und weiteres Zubehör. Die Laufschuhe werden bei einem Fachgeschäft nach einer Laufbandanalyse genau passend zum eigenen Fuß und Laufstil gekauft (was auch SEHR vernünftig ist!!). Ich bekenne mich als zu dieser Läufer-Gattung zugehörend.

Flinke Läuferfüße.
Flinke Läuferfüße.

In Wiesbaden war dieser Typ sehr häufig anzutreffen. Dabei gab es dann noch die extreme Version des High-Tech-Läufers, der in den nächtlichen Stunden mit allerlei Leuchtmitteln behaftet seine Runden rannte. Von der Stirnlampe bis zu blinkenden LED-Armbändern war alles vertreten. Einer hatte sogar ein Kopfgeschirr an, an dem eine Webcam montiert war. Er hat seine Laufrunden also gefilmt. Dieses Selbstleuchten war aber eigentlich überflüssig, denn die Laufstrecke im Kurpark war gut beleuchtet.

Der Einfach-So-Läufer

Dieser Läufer ist quasi das krasse Gegenteil der vorgenannten High-Tech-Läufer. Er kauft die Billigschuhe vom Aldi und zieht zum Laufen die Klamotten an, die ihm aus dem Schrank entgegenfallen. Das darf auch gerne ein Baumwoll-T-Shirt sein, dass dann vor Schweiß trieft und für die Umwelt sehr schnell eine massive olfaktorische Belastung darstellt. Denn der Einfach-So-Läufer ist gerne auch ein Naturbursche, der die Klamotten bei so einem 25-Stundenlauf nicht nur durchgängig anlässt, sondern schon anhatte, als er kam.

Eine Runde hatte circa 950 Meter.
Eine Runde hatte circa 950 Meter.

Pulsuhr und andere Gadgets braucht er nicht, er rennt nach Gefühl. Der „spürt“, was für einen Puls er hat und ist überzeugt, dass seine Pumpe gerade mit maximal 130 Schläger rennt, auch wenn er so außer Atem ist, dass er kaum noch ein Wort hervorschwitzen kann.

Die Turbo-Tiefflieger

Das sind meist recht junge und männliche Läufer, die in der Regel einem Leichtathletik-Verein angehören und in Wiesbaden mit einem affenartigen Tempo über die 950 Meter lange Runde jagten. Wenn so ein Kerlchen losrennt, dann ist der spätestens nach 2:40 Minuten schon wieder im Ziel und sagt sowas wie: „Scheiße, ich wollte 2:30 laufen!“ Meine schnellste Runde war 4:28 Minuten. Und der mault rum, dass er 2:40 statt 2:30 gebraucht hat. Der soll mal lieber aufpassen, dass er nicht verglüht, wenn seine Außenhülle sich an der Atmosphäre reibt ….. Oder erfriert so jemand eher durch den Fahrtwind?

Abklatschen in der Wechselzone.
Abklatschen in der Wechselzone.

Der Rundenklopper

Der Rundenklopper ist für seine Laufkameraden im Team eine Spaßbremse. Denn er läuft los und wenn er nach einer Runde wieder über die Ziellinie geht, dann ruft er seiner Ablösung nur zu „Ich mach noch eine“ und rennt einfach weiter, anstatt abzuklatschen. Das macht er gerne ein oder zwei Mal und ignoriert dabei, dass die anderen in seinem Team auch gerne eine Runde laufen wollen.

Der Dauerdauerdauerläufer

Dieser Läufertypus ist selten. Beim 25-Stunden-Lauf in Wiesbaden gab es nur zwei. Die beiden sind diese 25 Stunden ALLEINE DURCHGELAUFEN. Solche Typen – meint man – haben irgendeine psychosomatische Dysfunktionalität, dass sie sich so dermaßen quälen. Es sind Ultralangstreckenläufer, die gerne auch mal die „100 Kilometer von Biel“ (in der Schweiz) und andere Events laufen. Diese Läufertypen sind ungeheuer leidensfähig und beherrschen die Kunst, sich selbst zu quälen. Denn spätestens in der Nacht schauen die aus der Wäsche wie das Leiden Christi. Hier die Zeiten der beiden:

1. Jens Hilpert, 212 Runden, 24:52:16 Stunden = circa 201 Kilometer!!!
2. Chris Wolfe, ADAC, 137, 24:59:22 = circa 130 Kilometer !!!

Die Schicksenflitze

Dieser Läufertypus ist zu 99 Prozent weiblich. Er – also Sie – zeichnet sich dadurch aus, dass die Laufstrecke als Laufsteg genutzt wird, denn das Läuferoutfit ist einem Modediktat unterworfen. Da muss alles farblich zueinander passen und dem aktuellen Modetrend der Laufbekleidung gehorchen. Die Klamotten sind gestylt, die Schuhe passen perfekt ins Bild und sind immer so sauber geputzt, als würde damit gar nicht gelaufen. Auch Zubehör wie MP3-Player, Schirmmütze oder Schweißstirnband sind auf das Outfit abgestimmt. Die Schicksenflitze will vor allem gesehen werden und läuft deshalb auch langsam.

Unterwegs mit Maskottchen.
Unterwegs mit Maskottchen.

Professor-Schlaumeier

Dieser laufende Klugscheißer macht vor allem verbal auf sich aufmerksam, weil er ein Quell unendlichen Fachwissens ist – oder zu sein glaubt – und dieses auch bereitwillig zum Besten gibt, egal ob es jemand hören will oder nicht. In der Wechselzone beim 25-Stunden-Lauf wurde ich Ohrenzeuge folgender Sprüche eines solchen Professor-Schlaumeier: „Du läufst ja nur in der Fettverbrennungszone. Lauf mit höherem Puls. Geh mal härter an die aerob-anaerobe Grenze ran!“ Nett war auch der motivierende Ratschlag beim Start eines Läufers „Lass Dir Zeit und zieh durch.“ Das klingt wie „Mach langsam aber so schnell wie möglich“.

Der Eierläufer

Und zum Schluss dann noch eine Peinlichkeit, die ich und viele andere am Sonntagmorgen eine Stunde vor dem Ende des 25-Stunden-Laufes bestaunen durften. Der Eierläufer hat sich seinen Namen selbst zuzuschreiben, denn dieser Typ hatte eines von diesen kurzen Sprinterhöschen an. Wisst ihr diese Dinger mit dem hohen Beinausschnitt an der Seite und ganz viel wenig Stoff um die Hüften. Und leider hingen in dieser Läuferhose die Hoden lose und beugten sich der Schwerkraft. Alles, wirklich ALLES, was einen Mann von einer Frau unterscheidet, hing unten aus der Hose raus. Und beim Laufen schlug das Gehänge heftig, fast hörbar klatschend heftig hin und her. Während sich immer mehr Leute unter massivsten Anstrengungen das Lachen und mit dem Finger drauf zeigen verkniffen, lief der Eierläufer unbeirrt in hohem Tempo weiter.

Beschleunigte Entschleunigung oder: Der 25-Stundenlauf in Wiesbaden

Zieleinlauf nach knapp 25 Stunden.
Zieleinlauf nach knapp 25 Stunden.

Laufen ist ja an und für sich eine doch recht beschleunigte Art der Fortbewegung. Vor allem wenn jemand wie ich, der mit der Grazie einer Gazelle einerseits aber dem Tempo eines Elefanten andererseits läuft, es schafft, seine Rundenzeit auf einen Kilometer auf einen Durchschnitt von 5:42 Minuten zu senken. So geschehen beim 25-Stundenlauf der Wiesbadener Sportförderung. Dort bin ich knapp 20 Kilometer gelaufen, aber eben nicht am Stück, sondern in Runden im Team mit Abklatschen. Dadurch kannst Du dann auf einer solchen Einzelrunde schneller laufen, also sonst auf der Langstrecke am Stück.

Bei dieser Laufveranstaltung am 11. und 12. September durfte ich im Team der „Zeitungsenten“ des Wiesbadener Kuriers mitlaufen. Und das hat unglaublich viel Spaß gemacht. Vor allem weil ich mit dem Team der Zeitungsenten ein gutes Dutzend sehr netter und wundervoller Menschen kennen lernen konnte. Ok zwei dieser laufverrückten Zeitungsenten kannte ich schon länger und eine von diesen Zweien kenne ich schon ewig. Den einen oder die andere hab ich schon mal in Facebook gesehen, was das Treffen im echten Leben umso spannender macht. Schon alleine dieses tolle Team machte das Laufen an diesem Wochenende zum absoluten Vergnügen.

Dann war die ganze Atmosphäre im Wiesbadener Kurpark einfach super klasse. Insgesamt 65 Mannschaften von Laufverrückten, die sich für eine gute Sache den längsten Tag und die längste Nacht des Jahres um die Ohren schlugen, oder besser liefen. Auch der Park und die 950 Meter lange Runde waren sehr schön, das Ambiente am Kurhaus ist für so was echt klasse. Dazu kam absolutes Prachtwetter! Da nimmt man als Rheinland-Pfälzer und Rheinhesse auch in Kauf, in „Feindesland“ zu laufen. Scherz beiseite, Wiesbaden ist ne tolle Stadt, ich bin dort zur Schule gegangen.

Ok wertgeschätzt Leser, ich will Euch mit der Frage, was „Beschleunigte Entschleunigung“ bedeutet, nicht mehr länger im Unklaren lassen. Wie eingangs schon erwähnt, ist Laufen eine deutlich beschleunigte Art der Fortbewegung. Und trotzdem hilft mir genau dass beim Entschleunigen. Das gilt schon, wenn ich daheim trainiere und meine Runden durch das Oppenheimer Wäldchen drehe. Aber dort in Wiesbaden galt das mit dem Entschleunigen ganz besonders!

Laufe ich daheim, bin ich nach spätestens zwei Stunden fertig, wieder daheim und stehe unter der Dusche – fertig. Hier aber waren wir, Auf – und Abbau eingerechnet – über 30 Stunden an einem einzigen Ort. Wann seid ihr schon mal so lange an ein und der selben „Location“. Heutzutage doch kaum vorstellbar, oder? Schon alleine das sorgt für eine Art „lokalisiertes Innehalten“.

Alles schläft, einsam wacht ... Nachtwache mit Kruschel.
Alles schläft, einsam wacht ... Nachtwache mit Kruschel.

Dann aber kam das Laufevent selbst dazu. Wenn ich so eine Runde gelaufen bin, tat ich das, was ich daheim beim Laufen auch tue. Mich meinen Gedanken, Wünschen und Träumen hingeben, die mir bei so was immer durch den Kopf gehen. Und wenn ich nicht akut gelaufen bin, habe ich entweder in den Laufschichten von Gruppe drei unseres Teams (der besten Gruppe ; – ) ) in der Wechselzone aufs Abklatschen gewartet und mich mit den andere unterhalten. Oder in den Pausen – also wenn unsere Gruppe nicht dran war – saß ich mit anderen oder spät nachts auch mal alleine nur mit Kruschel vor unserem Teamzelt. Da wird sich unterhalten, etwas gelesen oder einfach nur nichts getan und den anderen beim Laufen zugeschaut. Du hast nicht spezielles vor, musst nirgendwo dringend hin – außer mal aufs Klo – und hast einfach Ruhe.

Mit anderen Worten die ganze Alltagshektik, der Stress, die Hetze, die ganzen ewig eiligen und ach so wichtigen Zeitgenossen, die sonst um dich herum toben, die war draußen vor den Mauern des Kurparks ausgesperrt und Du hast eigentlich gar nichts anderes gemacht, als … ja eben fast nichts. Und das war wirklich unglaublich entschleunigend. Zwei Tage „mentale Langsamkeit“ bei körperlicher Beschleunigung. Mag der Körper danach auch halbwegs fertig und müde sein, der Kopf ist befreit, leer und frisch. Zumindest meiner. Und das tat diesem Unruhestifter unter meiner Schädeldecke auch mal richtig gut.

Der GPS-Track des 25-Stundenlaufs.
Der GPS-Track des 25-Stundenlaufs.